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08.09.2023

#STRATEGIEN, Förderung, Magazin SOZIOkultur

Selbstkritisch, nicht selbstverliebt

Praxis und Förderung entwickeln

Von: Mechthild Eickhoff

Der Fonds Soziokultur hat sich mit dem Programm „Profil: Soziokultur“ erstmals aus der Produktionslogik von Projektförderung gelöst und ein Förderprogramm ausgeschrieben, das die Transformation von Organisationen zum Thema hatte.

Für jedes Unternehmen ist es überlebenswichtig, sich mithilfe externer Berater*innen ständig weiterzuentwickeln, Prozesse auf den Prüfstand zu stellen und Innovationen durch hochqualifizierte Fachkräfte erarbeiten zu lassen. Wie funktioniert dies im Non-Profit-Bereich der Kultur und Soziokultur, von dem man aus Sicht der Förderer doch immer erwartet: Er soll die Gesellschaft gestalten, auf alle sozialen, ökonomischen und ökologischen Herausforderungen reagieren können und immer innovativ und modellhaft sein?

Produkt- versus Prozessorientierung

Warum ist die Förderung einer solchen Mammutaufgabe in der Regel produktorientiert und nicht prozessbezogen? Ausnahmen wie das Programm „sozioK_change“ der Stiftung Niedersachsen (2015-2021) sind Vorbilder für ein neues Förderdenken, das auf längere, strukturelle Stabilität und Wirksamkeit im Dialog mit Förderempfänger*innen setzt.

Profile und Transformation

Auch der Fonds Soziokultur hat sich mit der NEUSTART KULTUR-Förderung 2020-2023 erstmals aus der Produktionslogik von Projektförderung gelöst. Mit „Profil: Soziokultur“ konnte er Ende 2021 und Mitte 2022 ein Förderprogramm ausschreiben, das die Transformation von Organisationen zum Thema hatte und nicht eine Kulturproduktion mit Teilnehmenden und Abschlusspräsentation.

Dies war eine der Konsequenzen aus der Evaluation der ersten Förderphase 2020-2021, die das Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft erstellt hat. Überdeutlich wurde die pandemisch verstärkte organisatorische und administrative Verausgabung der Kulturschaffenden und ihrer Organisationen auf der einen Seite; auf der anderen Seite zeigten sich nicht mehr berechenbare globale, gesellschaftliche und finanzielle Entwicklungen und damit ein enormer Bedarf an Know-how aus der Soziokultur. Auf diese Phase reagierte das bisher einmalige Programm „Profil: Soziokultur“.

Überdeutlich wurde einerseits die Verausgabung der Kulturschaffenden, andererseits ein enormer Bedarf an Know-how aus der Soziokultur.

Gegenstand der Förderung waren im Kern Personal- und Honorarkosten, um mit dem eigenen Team sowie freien Mitarbeitenden und externen Fortbilder*innen neuralgische Punkte der eigenen Arbeit zu beleuchten und innerhalb eines knappen Jahres weiterzuentwickeln. Im Mittelpunkt der selbst gestellten Aufgaben standen Organisationsentwicklung, themenbezogene Professionalisierung, Digitalität, Diversität, Finanzierung und Vernetzung.

Mithilfe des mittlerweile beendeten rund 23 Millionen Euro umfassenden Programms haben sich rund 920 Organisationen zwischen sechs und elf Monate mit eigenen Fragen zu Inhalten, Finanzierung, Struktur, Angebot, Orten, Räumen oder Publikum ihrer Einrichtung beschäftigt. Der Fonds Soziokultur hatte dazu ein begleitendes, international besetztes Mentoring- und Vernetzungsprogramm aufgelegt.

Schätze heben: Know-how bezahlen

Deutlich geworden ist, wie viel Know-how in der Szene bereits vorhanden ist, wo es weiteres Wissen von außen brauchte und wie beides durch eine vergleichsweise kleine Förderung zur Profilbildung beitragen kann. „Profil: Soziokultur“ hat Zeit – und zwar bezahlte Zeit! – verschafft, die Honorare für Entwicklungsschritte und die Konzeptentwicklung konnten auch an freie Mitarbeitende bezahlt werden.

„Profil: Soziokultur“ hat Zeit – und zwar bezahlte Zeit! – verschafft.

Denn da das dominierende Beschäftigungsmerkmal in diesem Bereich die freie Mitarbeit und nicht die Festanstellung ist, galt und gilt es auch hier, die Abwanderung von Profis, also freien Künstler*innen und Kulturmacher*innen, zu verhindern. Es braucht – banal, aber wichtig – definierte Zeiten, Räume und finanzielle Spielräume, dieses Denken und Wissen fruchtbar zu machen.

Selbstkritisch, nicht selbstverliebt

Die Evaluation, zwanzig konkrete Fallstudien, zahlreiche Rückmeldungen sowie die bislang vorliegenden Sachberichte belegen, dass soziokulturelle Akteur*innen sehr selbstkritisch, intensiv und mit langfristigen Zielen an ihre Fragestellungen gegangen sind. Zahlreiche Einrichtungen beschreiben, dass sich die ursprüngliche Planung verändern musste, es waren durch den Prozess andere kritische Punkte sichtbar geworden, die wiederum mit anderen Expert*innen bearbeitet werden mussten – Anpassungsfähigkeit war gefragt.

Die ersten von insgesamt 20 Fallstudien mit konkreten Prozessbeispielen, erarbeitet von der Kulturexpertin Inez Boogaarts, sind unter www.profil-soziokultur.de abrufbar.

Was braucht es?

Nahezu alle Ebenen von Politik und Verwaltung sind sich einig: Kultur muss und kann sehr gut Gesellschaft mitgestalten und Soziokultur löst strukturell und angebotsbezogen ein zentrales Demokratie-Versprechen ein. Dies ist allerdings mit temporärer Projektförderung allein nicht zu halten. Reine (Projekt-)Förderprogramme und ihre aufwändige Orchestrierung auf der Einrichtungsebene tragen daher mitunter zur Verausgabung des Felds bei.

Der Fonds Soziokultur als Bundeskulturfonds sieht nach den intensiven letzten Jahren die immense Bedeutung gesellschaftlich getragener Kulturarbeit nicht nur als einen Innovationsmotor für große spartenbezogene Kulturhäuser oder für das Kulturleben insgesamt. Die Übersetzung komplexer globaler und lokaler Herausforderungen in Visionen für andere Wirklichkeiten ist das Kerngeschäft der Akteur*innen der freien, partizipativen Kulturarbeit und Soziokultur. Sie stellen Verbindungen in der Gesellschaft her, erfinden Settings für eine produktive und empowernde Beschäftigung mit komplexen Themen.

Soziokultur löst ein zentrales Demokratie-Versprechen ein. Dies ist allerdings mit Projektförderung allein nicht zu halten.

Eine zeitgemäße Förderung muss sich daher mitentwickeln können, bestenfalls in einem Dialog mit möglichen und tatsächlichen Förderempfänger*innen. Notwendig erscheint vor dem Hintergrund der Erfahrungen der letzten Jahre und der Evaluationen nicht nur die (viel geforderte) Vereinfachung von Verwaltung. Notwendig erscheint auch, dass die Förderung von Transformation, also von Entwicklungsprozessen über einen längeren Zeitraum, eine wichtige Ergänzung zur Projektförderung ist.

Darüber hinaus braucht es immer wieder die Anregung zur Vernetzung, damit das reiche Know-how der Szene nachhaltig geteilt und breiter wirksam werden kann. Prozess-, Projekt- und Transferförderungen mit mehrjährigen Förderperioden, Plattformen für den bundesweiten und internationalen Austausch und eine entsprechende finanzielle Ausstattung von Fördereinrichtungen im transparenten Dialog mit Politik und Verwaltung auf allen Ebenen – dies wären wichtige Schritte, der Bedeutung dieses gesellschaftlichen Bereichs mit nachhaltiger Unterstützung nahezukommen. Wir arbeiten daran …

Der Fonds Soziokultur wird gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 3/2023 Strategien

Autor*innen

  Mechthild Eickhoff ist Geschäftsführerin des Fonds Soziokultur e.V.

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