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28.02.2024

#DIGITALITÄT, Magazin SOZIOkultur

Digitalität in der Soziokultur: Aufmerksam, kritisch und handlungsfähig bleiben

Von: Heike Herold und Carolin Viktorin

HEIKE HEROLD und CAROLIN VIKTORIN beleuchten, wie die Digitalität in der Soziokultur Raum gewinnt, welche Aufgaben und neuen Möglichkeiten den Akteur*innen aus ihr erwachsen.

Heike  Zwischen den unendlichen Möglichkeiten der Digitalität und ihren nicht immer wünschenswerten Begleiterscheinungen kann man dauernd die Gefühle wechseln. Mit Absolutheit lässt sich nur sagen: Sie entwickelt sich rasant, das Tempo wächst.

 Carolin  Wie wahr! Nachdem viele unserer Mitgliedseinrichtungen die Mittel aus den pandemiebezogenen Förderungen genutzt haben, um ihre digitale Ausstattung zu verbessern und sich die entsprechenden Fähigkeiten anzueignen, sind wir nicht einmal dazu gekommen richtig aufzuatmen, da gab es schon generative KI für alle.

 Heike  Das sind in kurzer Zeit große Veränderungen, die wir da erleben.

 Caro  Wer ist wir?

 Heike  Tatsächlich wir alle: die einzelnen Akteur*innen, die Gesellschaft, die Menschheit insgesamt.

 Caro  Das ist eine gewaltige Perspektive, die Menschheit.

Der Sprung zwischen am PC erstellten Texten und ChatGPT ist größer als der von der ersten Keilschrift zum Buchdruck.

Heike  Aber gut, um das Ausmaß des Wandels zu erfassen. Nachdem die alten Sumerer die erste Keilschrift in Ton geritzt hatten, dauerte es ungefähr 5000 Jahre bis zum Buchdruck. Der qualitative Sprung zwischen den ersten am PC erstellten Texten und ChatGPT ist größer. Er brauchte kaum fünfzig Jahre. Anfang der 1990er Jahre waren die meisten meiner Kommiliton*innen für ihre Diplomarbeiten noch auf Schreibmaschinen, Tipp-Ex und Durchschlagpapier angewiesen. Der PC meines Bruders oder kurz darauf mein Palm-Organizer, mit dem ich immerhin Termine, Adressen und Aufgaben verwalten konnte, die erschienen mir damals weit vorn.

 Caro  Die Sprünge sind wirklich groß. Kaum zehn Jahre danach habe ich im Studium schon Kurse in Erstellung von Websites und digitaler Vermittlung von Themen belegt, habe selbst Websites betreut. Damals war Digitalität im Alltag noch nicht so allgegenwärtig. Heute sehe ich auch viel mehr Möglichkeiten der Vernetzung von zivilgesell- schaftlichen Organisationen aus verschiedenen Engage- mentbereichen und der IT-Welt.

Um in unseren Nahbereich zu schauen: Wie reagieren die Akteur*innen und Nutzer*innen der Einrichtungen in dei- nem Landesverband auf diese Dynamik?

Heute sehe ich viel mehr Möglichkeiten der Vernetzung von zivilgesellschaftlichen Organisationen und der IT-Welt.

Heike  Das unterscheidet sich nicht von der Allgemeinheit. Ich erlebe eine Mischung aus Aufbruch, Skepsis und nicht selten auch Sorge.

 Caro  Verständlich. Als die Eisenbahn erstmals maschinell betrieben wurde und mit ungefähr dreißig Stundenkilometern fuhr, waren viele Menschen skeptisch. Diese irrsinnige Geschwindigkeit werde die Menschen in den Wahnsinn treiben, dachten so manche. Uns geht es aber weiterhin ziemlich gut, auch wenn wir mit mehr als 1.000 Stundenkilometern fliegen oder den elektrischen Strom in Akkus mit uns rumtragen.

 Heike  Stimmt. Etwas ist jetzt dennoch ganz anders. Viele von uns nutzen die Elektrizität, ohne zu wissen, wie der Strom überhaupt entsteht. Über die genaue Funktionsweise von Fliegern, PCs oder Smartphones brauchen wir auch nicht unbedingt Bescheid zu wissen. Aber können wir uns wirklich darauf verlassen, dass Elektriker*innen, Pilot*innen und IT-Expert*innen das tun? Nun schreiben KI-Expert*innen nämlich einen offenen Brief. Darin steht, KI sei erstens gefährlicher als die Atomkraft und zweitens eine Art Blackbox. Ihre Schöpfer wissen selbst nicht, was genau da in der Kollaboration der vernetzten Computer passiert.

Anstatt Katastrophenszenarien der Zukunft zu zeichnen, sollten wir lieber darauf schauen, unter welchen Bedingungen heute große generative KI-Systeme entwickelt werden. Für das Training braucht es Unmengen an Daten, die von einer Heerschar von Menschen gesichtet und etikettiert werden müssen, die häufig unter schlechten Bedingungen in Niedriglohnländern arbeiten. Auch der Energiebedarf der Rechenleistung bei KI ist immens, das muss uns bewusst sein. Das sind schon einige Gründe zur Beunruhigung.

 Caro  Der offene Brief trägt aber gleichzeitig zur Verstärkung des aktuellen Hypes um KI bei. Anstatt Katastrophenszenarien der Zukunft zu zeichnen, sollten wir lieber darauf schauen, unter welchen Bedingungen heute große generative KI-Systeme entwickelt werden. Für das Training braucht es Unmengen an Daten, die von einer Heerschar von Menschen gesichtet und etikettiert werden müssen, die häufig unter schlechten Bedingungen in Niedriglohnländern arbeiten. Auch der Energiebedarf der Rechenleistung bei KI ist immens, das muss uns bewusst sein. Das sind schon einige Gründe zur Beunruhigung.

 Heike  Sollten wir KI deshalb meiden?

 Caro  Das nicht, denn KI kann auch für gemeinnützige Zwecke entwickelt und genutzt werden, etwa zur Identifizierung von Umweltverschmutzung oder zur Vereinfachung der Inklusion von Menschen mit Behinderung. In jedem Fall müssen wir aber aufmerksam, kritisch und handlungsfähig sein. Angebote zur Erlangung von Medien- und Datenkompetenz werden umso wichtiger.

Gerade wenn es um Werte wie Vielfalt, Toleranz, Meinungs- und Kunstfreiheit geht, werden Angebote zur Erlangung von Medien- und Datenkompetenz umso wichtiger.

 Heike  Das teile ich total. Gerade wenn es um Werte wie Vielfalt, Toleranz, Meinungs- und Kunstfreiheit geht. Es hört sich immer so an, als seien die sozialen Medien demokratisch. Gerade wenn es um Inhalte geht, die aus KI erzeugt werden, muss es um Transparenz und klare Regelungen zum Beispiel über den urheberrechtlichen Status gehen. Das sind wir allen ehrlichen Gestalter*innen von Meinung und auch Künstler*innen schuldig. Es bedarf also gesetzlicher Reglungen. Auch wenn es Konsequenzen für eine breite Nutzung von KI für eine vorgeblich künstlerische Produktion bedeutet.

 Caro  Du spielst darauf an, dass es vom Malen übers Dichten und Komponieren bis zur Pointe eigentlich wenig gibt, das KI nicht irgendwie kann.

Heike  Vielleicht, aber eben nicht auf Kosten derer, deren Erfindungen, Ideen, Visionen unsere Welt bereichern, die dann aber nichts davon haben. Dennoch wäre es toll, wenn im Sinne von Vermittlungsarbeit auch Teilhabe mit KI gelebt werden kann…

 Caro  … durch die Anwendung freigegebener ästhetischer Techniken. Open Source. Damit auch kollektive künstlerische Prozesse entstehen können und als Bereicherung, als hohe Lebensqualität empfunden werden …

 Heike  … dann sind wir nah an der Soziokultur.

 Caro  Manche Zentren bauen sich ein Digitallabor, in dem sie mit Jugendlichen Spiele programmieren, oder einen Makerspace mit 3D-Druckern, mit dem sie Ersatzteile herstellen. Das sind dann experimentierfreudige IT-Fortgeschrittene. Sobald wir uns im realen Alltag bewegen, sind wir oft mit ganz anderen Dingen konfrontiert.

 Heike  So ist es. Die wenigsten unserer Nutzer*innen und Teilnehmer*innen sind ja Digital Natives.

Wer nicht ein Mindestmaß an Hardware, Software und den entsprechenden Kompetenzen besitzt, ist schnell raus.

Caro  Darauf will ich hinaus. Inzwischen durchdringt die IT vom Ticketing über die Steuererklärung bis zum Impfnachweis alle Lebensbereiche. Wer nicht ein Mindestmaß an Hardware, Software und den entsprechenden Kompetenzen besitzt, ist schnell raus. In Berlin wird zum Beispiel die „Lange Nacht der Museen“ gern genutzt. Wer eine der weltbekannten Sammlungen kostenlos besuchen möchte, kann nicht einfach hingehen. Er muss sich vorher für ein bestimmtes Zeitfenster digital angemeldet haben.

 Heike  Genau für solche Dinge sind soziokulturelle Zentren seit mehr als zwanzig Jahren wichtige Anlaufstellen. Computerclubs für Senior*innen sind ein Stichwort oder AGs, die sich mit Smartphones, mit den Möglichkeiten und Fallstricken von Apps befassen. Dazu unzählige Workshops und permanente Angebote zu Datenschutz, Social Media oder Medienkompetenz. Für den Verlauf der gesellschaftlichen Debatten macht es einen großen Unterschied, ob die Leute die Verlässlichkeit von Quellen oder Deep Fakes beurteilen können. Das Wort vom lebenslangen Lernen hat noch einmal deutlich mehr Gewicht bekommen. Dafür fühlen wir uns verantwortlich, ebenso für den Schutz von Künstler*innen und ihrer Urheberrechte.

 Caro  Die digitale Mündigkeit der Bürger*innen, ihre Fähigkeit, die digitalen Entwicklungen zu überblicken und mitzubestimmen, ist eine der Schlüsselfragen unserer Zeit.
Mich treibt um, wie wir selbst der Verantwortung für den Weg gerecht werden, den die IT und die KI nehmen. KI arbeitet mit Daten, die Menschen zuvor eingegeben haben. Welche Daten stellen wir zur Verfügung, ganz bewusst? Wie gelingt uns Gemeinwohlorientierung als intrinsisches Merkmal von IT? Wie stärken wir freie Open-Source-Software, deren Quellcodes von allen eingesehen und weiterentwickelt werden können? Seit ich zum ersten Mal mit Digitalem in Berührung gekommen bin, liegt mir die Frage der Partizipation besonders am Herzen. Digitale Anwendungen bieten eben auch wunderbare Möglichkeiten, Menschen einzubeziehen, die vorher aus sozialen, bestimmten körperlichen oder geografischen Gründen ausgeschlossen waren. Während der Lockdowns haben wir das selbst erlebt. Wie nutzen wir das weiter?

Digitale Anwendungen bieten wunderbare Möglichkeiten, Menschen einzubeziehen, die vorher ausgeschlossen waren.

 Heike  Es stellt sich zu all dem auch die Frage, wie wir die digitalen Möglichkeiten für die Kommunikation und Abstimmung im Verband einsetzen.
Aus meiner Sicht entwickelt sich seit Corona in den Qualifizierungsmaßnahmen und Gremienaktivitäten mehr und mehr eine vernünftige Balance zwischen digitalen und analogen Meetings. Es ist auch ein totales Pfund, dass wir dich in der Bundesgeschäftsstelle und in mehreren Landesverbänden ein paar Nerds haben. Die Aufgaben wachsen uns trotzdem dauernd über die Köpfe. Die digitale Welt ist ja kein Ist-Zustand, an den wir uns schrittweise heranarbeiten könnten. Sie ist in atemberaubender Bewegung. Täglich kommt neue Hardware, vor allem ein Feuerwerk an neuer Software auf den Markt. Es fordert uns echt heraus, jeweils genau die für uns am besten geeigneten Tools herauszufinden und Kompatibilität herzustellen.

Caro  Ja, wir sind darauf angewiesen, dass die Expert*innen für Digitales, die wir im Verband haben, intelligent kollaborieren und arbeitsteilig agieren. Anders geht es gar nicht. Was wir auch brauchen, ist Kontinuität, ist eine langfristige Qualifizierungsstelle. Sonst verschleißen wir unsere ohnehin überstrapazierten Ressourcen für ewige neue Anfänge, statt am Ball zu bleiben.

Die digitale Welt ist in atemberaubender Bewegung. Es fordert uns echt heraus, jeweils Kompatibilität herzustellen.

Heike  Sobald es um Digitales geht, ist Konsum Teil der Arbeit und kann auch ausgesprochen anstrengend sein.

Caro  Klar, vor allem im Blick auf Nachhaltigkeit. Dass alles, was digital erledigt wird oder papierloses Büro heißt, per se sauber sei, trifft nicht zu. Man sieht bloß die Folgen nicht als Plastikmüll in den Ecken. Es hat soziale und ökologische Folgen, ob wir zentrale globale Player mit dem Hang zu einem Wissens- und Datenmonopol oder dezentrale Netzwerke präferieren, ob wir an klimaneutralen Rechenzentren in Deutschland hängen oder an denen anderer Kontinente.

 Heike  Übrigens schadet es auch nichts, die Rechner auszuschalten, wenn wir nicht dran sitzen.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 4/2023 Digitalität

Autor*innen

  Heike Herold Vorstand Bundesverband Soziokultur e.V. heike.herold@soziokultur.de
  Carolin Viktorin Referentin für Digitalisierung und Wissensmanagement carolin.viktorin@soziokultur.de

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