standard-logo

31.08.2023

#STRATEGIEN, Magazin SOZIOkultur, Porträt

Die ALTE MU in Kiel: MUtopie und MUtivation

Von: Dr. Edda Rydzy

In der ALTEN MU in Kiel probieren die Akteur*innen im Kleinen aus, wie Dorf, Stadt und Welt vielleicht im Großen funktionieren können.

Zweifel und Zuversicht

Täglich säen die News neue Zweifel, ob sie überhaupt gelingen kann, die sozial-ökologische Transformation. Sie zeigen Abfolgen redender Leute vor wechselnden Flaggen, unterbrochen durch Bilder von Explosionen, überladenen und sinkenden Flüchtlingsbooten, wüsten Landschaften, Börsendiagrammen. Selbst die Wettervorschau, jahrzehntelang eher harmloser Schlusspunkt der Nachrichten, sieht man inzwischen auch in den sogenannten gemäßigten Zonen lieber durch die gespreizten Finger: Stürme, Hitzewellen, Hagel und Sintfluten in steigender Zahl.

Was wir am dringendsten brauchen, um uns überhaupt für eine gelingende Zukunft in Bewegung zu setzen, sind Zuversicht und Optimismus. Wir können beides aus den Abertausenden „kleinen“ Leuten ziehen, die dafür schon in Bewegung sind – und mehr werden.

Herkunft

Die ALTE MU hat ihren Namen der Muthesius-Kunsthochschule entlehnt, die 1907 ursprünglich als Handwerkskunstschule auf den Plan tritt. Die Nationalsozialisten verbannen zu Beginn der 1930er die Kunst aus dem Lehrprogramm, um die „bodenständig-bäuerliche Kultur“ zu betonen. Die Schulgebäude gehen dann wie 80 Prozent der Stadt Kiel unter Bomben in Flammen auf.

Zunächst in Notunterkünften wird ab den späten 1940ern die Verbindung von Handwerk und angewandter Kunst wieder hergestellt. 1960 zieht die Schule in den eben errichteten Klinkerbau am Lorentzendamm und 2012 fast vollständig wieder aus. Lediglich eine kleine Anzahl Studierender nutzen weiterhin Ateliers.

Bienen und mehr

Kurz darauf nisten sich ein paar junge Leute mit der Stadtimkerei Kieler Honig auf dem Innenhof und in einigen der leeren Räume ein. Den Bienen folgen Goldei­mer (Komposttoiletten), die Werk Statt Konsum (offene Holzwerkstatt), das Lichtfeldstudio (Fotografie) und das FahrradKinoKombinat. Während der ersten Zeit verständigen sich die neuen Nutzer*innen, wie sie sich gerade auf den Treppen, in den Gängen oder im Hof über den Weg laufen. Sie bemerken bald, dass das nicht reicht, dass das schon gar nicht reicht, als 2014 gleich ein ganzer Schwung von Leuten mit Projekten kommt, die auf dem ehemaligen Hochschulgelände realisiert werden sollen.

Fast paradiesisch

Zu diesem Schwung gehört auch Nina Lage-Diestel mit dem Glückslokal. Ihr Verein kümmert sich darum, dass nicht mehr genutzte Kleidung, Bücher und andere Gegenstände lieber ausgetauscht als weggeworfen werden. Die inzwischen etwa 700 Vereinsmitglieder entrichten monatlich fünf Euro Beitrag. Dafür dürfen sie an den zehn Öffnungstagen des Glückslokals das eine bringen, das andere mitnehmen. „Wir haben keine Miete gezahlt, kamen fast ganz ohne Bürokratie klar und haben jahrelang alles ehrenamtlich gestemmt“, erzählt Nina heute.

Der Innenhof der ALTEN MU mit seinen vielen Ein- und Ausgängen ist eine stille, grüne Oase. Das Sonnenlicht fällt direkt und als Spiegelung von Fensterscheiben herein. Außer den Geräuschen, die die ALTE MU mit ihren Werkstätten, gemeinsamen Mittagessen, Konzerten und Veranstaltungen selbst macht, hört man ab und zu eine Schiffshupe, Möwengeschrei und Vogelgezwitscher. Zu den aktuell regelmäßigen Gästen zählen übrigens die Amsel namens Flecken und die Möwe Flipflop.

Kapital ante portas

2014 kann in der ALTEN MU niemand davon ausgehen, dass sie in dieser fast kindlich unbekümmerten Weise dauerhaft weitermachen werden. Das Gelände befindet sich nur einen Steinwurf von den Kais der Kreuzfahrtriesen, einem Nobelhotel und dem unmittelbaren Stadtkern entfernt. Gute Gründe für finanzstarke Investor*innen, hier weitere der austauschbaren Hotels oder Shopping-Malls zu bauen. Am sprichwörtlichen Haar hängt über dem halbhundertjährigen Klinkerbau die Abrissbirne. Die Stadt duldet die Aktivist*innen lediglich vorläufig, als Zwischennutzung. Das erste existenzielle Interesse, das diese verbindet, ist, hier bleiben zu dürfen. Um das möglichst wirksam und erfolgreich zu vertreten, brauchen sie eine Struktur.

Plenum

Zum ersten Mal im September 2014 treffen sich die Vertreter*innen der unterschiedlichen Projekte zum Plenum, wo sie von der Hoflampe über geplante Veranstaltungen bis zu gemeinsamen Zielen die Dinge besprechen und aushandeln, die sie alle angehen. Es ist zu einer Art Jour fixe geworden und findet seither immer pünktlich in jeder zweiten Woche statt.

Alle sind sich im Klaren darüber, dass sie ihr Existenzinteresse nicht verfolgen können, ohne eine inhaltliche Debatte darüber zu führen, wie sie Kiel nützen wollen. Sie müssen die Kieler*innen ja für etwas gewinnen, das ihnen mehr wert ist als die Gewerbesteuern potenzieller Investor*innen und das die ALTE MU auch wirklich selbst will. Sie brauchen mehrere Visionstreffen und ein ganzes Jahr, bevor sie aus aufeinanderprallenden Vorstellungen und Meinungen Kompromisse formuliert und diese zu Satzungszwecken verdichtet haben. Im September 2015 gründen sie den Verein ALTE MU Impuls Werk e.V.

Kern des Charmes

In der ALTEN MU sprießt in großer Geschwindigkeit pralles Leben. Derzeit wirken hier 50 Projekte. Vom FahrradKinoKombinat über offene Werkstätten, Bildungsangebote, Architektur, Foto, Zen bis Küche, Yoga und Landwirtschaft werden Kunst, Kultur, Bildung, Forschung und Wirtschaft zu einer anziehenden, gesellschafts- und umweltfreundlichen Symbiose gebracht. Das „kreative Dorf der Stadt“ verbindet die Vertrautheit des Dorfes mit dem Laissez-faire der großen Stadt. Doch das erklärt nur zum Teil den Zauber, der die Besucher*innen, die Bürger*innen und schließlich die Stadt Kiel so hinreißt, dass der Klinkerbau und die ALTE MU nicht nur bleiben dürfen, sondern auch von der Stadt und dem Land Schleswig-Holstein gefördert werden.

Leona Sedlaczek kommt schon als Studentin gern zu Veranstaltungen in die ALTE MU. Sie möchte von Herzen gern dazugehören. „Da liegt immer sowas in der Luft“, sagt sie. Tatsächlich geht es bei dem Zauber der ALTEN MU, der auch mit Kreativität und Buntheit nicht vollständig zu erfassen ist, genau darum. Menschen werden hier nicht an Rang, Einkommen oder Vermögen gemessen. Deshalb kann die Luft nicht dünn werden. Die ständige Entwicklung der Projekte und Akteur*innen, der ständige Umgang mit Neuem führen selbstverständlich auch hier bisweilen zu Diskrepanzen und Reibungen. Doch die vereinbarten Spielregeln, die Institution Plenum und die immer wieder in den Fokus genommenen gemeinsamen Ziele ermöglichen Kompromisse, mit denen alle leben können. Die Luft wird einfach auch nicht so dick, dass man sie schneiden müsste.

Struktursprung

Bis 2020 findet alles, was die ALTE MU als wahrnehmbares Kollektivereignis ausmacht, fast vollständig ehrenamtlich statt. Es herrscht Aktivismus, wo eigentlich Professionalität und am Ende auch ein wenig Bürokratie, Verwaltung und Betriebswirtschaft gebraucht werden. Gerade, als die Grenzen dieser Arbeitsweise definitiv erreicht sind, also keinen Moment zu früh, erlauben bewilligte Fördergelder, wenigstens eine kleine Anzahl von Menschen endlich fest anzustellen. Eine dieser Stellen wird für Vereinskoordinierung und Öffentlichkeitsarbeit ausgeschrieben. Leona bewirbt sich und bekommt sie, womit auch ein ganz persönlicher Lebenswunsch erfüllt ist.

Insgesamt hat die ALTE MU jetzt acht Angestellte in Teilzeit und eine Praktikantin. Sie sitzen alle in einem Büro. Auch das tut dem Informationsfluss innerhalb des zwar bunten, aber eben auch heterogenen und ein wenig unübersichtlichen Vereins gut.

Depression und Kraft

2020 ist für die ALTE MU aber nicht nur das Jahr eines Struktursprungs, sondern gleichzeitig wie überall eins des geradezu gewaltsamen Anhaltens. Menschen sind gesellige Wesen. Genau davon lebt die ALTE MU und genau an diesem Punkt greift die Pandemie am empfindlichsten an. Die paar Angestellten kommen weiter zur Arbeit. Klar. Doch in den Projekträumen, den Werkstätten und im Innenhof breitet sich mit all den Hygienevorschriften und Kontaktverboten gespenstige Ruhe aus. Vor Corona gab es in der ALTEN MU in jeder Jahreszeit ein eigenes großes Fest. Erstbesucher*innen kamen kaum raus aus ihren Aaahs, Ooohs und Wows. Im Sommer 2022 rauscht die Erinnerung daran vielleicht noch in den Wipfeln der Hofbäume, jedoch im Engagement der Ehrenamtler*innen nicht mehr direkt.

Alle Kulturveranstalter stellen fest, dass auch nach der Pandemie viele Plätze leer bleiben. Leona erfährt am eigenen Leib: Schon bevor die Gäste den Veranstaltungen fernbleiben können, haben viele Ehrenamtliche die Kraft verloren, sie überhaupt zu planen und durchzuführen.

Als Leona im Sommer 2022 sagt: Lasst uns wieder ein Fest machen, kommt aus der Community als Resonanz nicht etwa: Prima, legen wir los. Stattdessen Abwinken und: Heute arbeitet niemand mehr für lau, das schafft ihr nie. Zähe Tage, deprimierende Wochen, bevor dann trotz aller Unkenrufe Dutzende ehrenamtliche Helfer*innen zusammenkommen, die ihre Kraft mit Freude investieren. Die ganze positive innere Aufregung für ein Projekt, die so viel von Verheißung hat, sie ist zurück. Das Fest gelingt. Endlich ist wieder etwas los.

Beteiligung und eine Million

Die ALTE MU möchte ihr Gelände nutzen, um zentrumsnah bezahlbare Wohnmöglichkeiten zu schaffen. Bereits im Frühjahr 2021 gründen sie die Genossenschaft ALTE MU für Wohnen und Wirken. Hier geht es also nicht darum, wie in einer Work-Life-Balance die privat verfügbare Zeit gegen die verkaufte verteidigt wird. Neben dem Wohnen steht das gemeinsame Wirken zum allgemeinen Nutzen. Im Frühjahr 2023 sagt die Stadt Kiel eine Million Euro für das Projekt zu, mit dem für etwa 340 Menschen studentischer, Atelier- und Cluster-Wohnraum geschaffen wird.

Wie es dann ganz genau aussehen soll, entscheidet nicht ein Stararchitekt, der sowieso alles am besten weiß. Eine der Hauptaufgaben der Planung besteht darin, auf der Grundlage eines Beteiligungsprozesses zu bauen. Niemand kann sich auf finanziellem Weg Stimmenmehrheiten beschaffen. Wie viele Genossenschaftsanteile à 600 Euro jemand auch immer erwirbt, es bleibt bei einer Stimme je Genoss*in.

Nahziele

Nina unterstützt Wohnen und Wirken nach Kräften, sie hat einen Genossenschaftsanteil erworben, wird sich aber wahrscheinlich nicht um Wohnraum in der ALTEN MU bewerben. Sie braucht einen privaten als ihren dritten Ort. Ihren ersten und zweiten hat sie ja schon als Vereinsvorsitzende vom ALTE MU Impuls Werk und im Glückslokal. Eins ihrer Anliegen ist es, dass sich wirklich jede und jeder willkommen fühlt, in der ALTEN MU seine oder ihre Projektidee zu verwirklichen.

Die sich hier einbringen, sind oft zwischen 25 und 30, einige über 60 Jahre alt. Vor allem Fridays For Future zieht auch Jugendliche und junge Erwachsene an. Sie finden hier einen offenen Ort für Menschen aller Gesellschaftsschichten und Lebenssituationen. Die ALTE MU liegt allerdings auf dem Kieler Westufer, in einer eher vornehmeren Stadtlage. Deshalb kommen vor allem Menschen her, die nicht allzu weit außerhalb des Stadtkerns leben. In abgelegenere Stadtteile wie Gaarden oder Mettenhof hineinzuwirken fällt schwer. Die ALTE MU möchte aber gern ein Anlaufort, ein kreatives Dorf für ganz Kiel sein und noch diverser werden. Schritt für Schritt wird sie auch das schaffen.

_______________________

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 3/2023 Strategien

Autor*innen

  Dr. Edda Rydzy freie Autorin mit Lehr- und Vortragstätigkeit, Chefredakteurin der Zeitschrift SOZIOkultur

Ähnliche Artikel

 
12.04.2024
#DIGITALITÄT, Digitalisierung, Magazin SOZIOkultur, Streifzüge durch die Soziokultur

Barcamp „Soziokultur und digitaler Wandel“ mit der Radarstation in Zürich

2021 plante die Deutschschweizer Soziokulturszene das Berufssymposium „Labor Soziokultur 3.0“, partizipativ, versteht sich. Das Thema, das dabei besonders rasch zum Fliegen kam, war „Soziokultur und Digitalität“. Wenige Monate, nachdem sich die am Thema Interessierten kennengelernt hatten, war ein Verein gegründet: [...]

Mehr lesen
 
09.04.2024
#DIGITALITÄT, Digitalisierung, Magazin SOZIOkultur, Streifzüge durch die Soziokultur

Wie die Schaubühne Lindenfels neue Erzählräume erschließt

Vertraute Orte neu entdecken, geheime Geschichten lüften und vergessene Persönlichkeiten treffen – das ermöglicht die „Psst!-WebApp“ der Schaubühne Lindenfels: eine faszinierende Reise durch die Zeit und ein interaktives Erlebnis, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität hinterfragt.

Mehr lesen
 
28.03.2024
#DIGITALITÄT, Magazin SOZIOkultur, NEUSTART KULTUR

Mit Digitalität die Welt gestalten

Die Digitalität bietet neue ästhetische Räume für die kulturelle Bildung. Das Team des Köşk will diese gestalten. Zu Besuch bei einem Workshop, bei dem Realität und Virtualität verschwimmen.

Mehr lesen