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28.03.2024

#DIGITALITÄT, Magazin SOZIOkultur, NEUSTART KULTUR

Mit Digitalität die Welt gestalten

Das Köşk in München

Von: Sven Rosenberger

Die Digitalität bietet neue ästhetische Räume für die kulturelle Bildung. Das Team des Köşk will diese gestalten. Zu Besuch bei einem Workshop, bei dem Realität und Virtualität verschwimmen.

Ein Beitrag aus dem Magazin SOZIOkultur zum Thema Digitalität

Orangefarbene Schalenstühle ohne Beine schweben im Raum. Weiße Löcher klaffen in den neon-bunt bemalten Wänden und im grau-braunen Estrich-Boden. Der Raum dreht sich, als Aida mit dem Finger über den Bildschirm des Tablets streicht. „Wir dokumentieren das Köşk mit einer 3D-App, weil es bald abgerissen wird.“ Aida ist Medienkünstlerin und leitet diesen Workshop, dessen Teilnehmer*innen mit Tablets in der Hand den 200 Quadratmeter großen Raum des Jugendkulturzentrums im Münchner Westend scannen und in ein 3D-Modell verwandeln. „Das ist wie bei Pokémon Go“, meint Antonia, als sie mit dem Tablet durch den Raum läuft und dabei versucht, jedes Detail der Einrichtung zu erfassen. Nach und nach füllen sich die Löcher in den Wänden, Stühlen und Tischen wachsen Beine.

„Ich bin unter den Tisch gekrochen“, erzählt Antonia mit einem schon ein sehr detailliertem 3D-Abbild des Köşk in der Hand. Pedram hat sich die Bar am Eingang vorgenommen. Die gelb-weißen Gerbera-Sträußchen in den zwei Limo-Flaschen auf dem Tresen werden ebenso digitalisiert wie die Getränkekästen neben der blassgrünen, zu einem Garten geöffneten Eingangstür. Diese erinnert, wie die bodentiefe Fensterfront, vor der eine lange, mit bunten Stofffetzen geschmückte Rollstuhlrampe entlangführt, an die ehemalige Nutzung des Flachbaus als Stadtbibliothek.

Realer Ort für alle

Andrea, die künstlerische Leiterin des Köşk, steht vor der Eingangstür, hinter ihr flattern die bun- ten Stofffetzen an diesem wechselhaften windigen Julitag. „Das Köşk ist ein großer Raum, wie ein Schaufenster. Ein Freiraum, wo die unterschiedlichsten Leute kommen und ihre Ideen umsetzen können.“ In den vergangenen neun Jahren hat sie gemeinsam mit Projektleiterin Julia Ströder und ihrem Team aus dem Zwischennutzungsprojekt unter dem Slogan „Bis zum Rausschmiss…! Wir machen Platz für junge Kunst- und Kulturprojekte!“ einen beliebten kulturellen Treffpunkt für das Viertel entwickelt. Junge Künstler*innen stellten dort aus, in den Werkstätten konnte mit den unterschiedlichsten Materialen und Medien experimentiert werden, das Community-Orchester und der Köşk-Chor luden alle Generationen zum gemeinsamen Musizieren ein. „Wir haben hier viele Obdachlose“, sagt sie und deutet auf den Garten, dessen Mittelpunkt ein von Bänken umkreister ausladender Baum bildet und von dem aus Besucher*innen über fünf genoppte Stahltreppenstufen das Köşk betreten können. „Sie kommen zu uns rein, spielen Klavier oder hören einem Konzert zu. So entstehen Begegnungen, die es sonst nicht gibt.“ Das Köşk war ein Ort für alle, den es bald nicht mehr gibt. In wenigen Tagen steigt das letzte Abrissfest. Danach ist Schluss im Köşk.

Besucher*innen kommen rein, spielen Klavier oder hören einem Konzert zu. So entstehen Begegnungen, die es sonst nicht gibt.

Aida will den Abriss digital begleiten. Nicht nur der Raum, den die Workshop-Teilnehmer*innen heute abscannen, auch die wetterschützende Platane im Garten, unter der vor ein paar Tagen noch eine Brass-Band Anwohner*innen zum Tanzen und Feiern animierte, soll für die Nachwelt digital erhalten bleiben. Wie der haushohe Baum allerdings eingescannt werden kann, weiß Aida noch nicht, sie will es an einem anderen Tag mit einer Drohne probieren.

Digitaler Baum im Raum

Welche kreativen Möglichkeiten das Digitale bietet oder „the magic“, wie Aida es nennt, demonstriert sie an Antonias Tablet. Mit einem Klick erscheint auf dem Tablet das eingescannte 3D-Modell im realen Raum. Aida kann das 3D-Modell beliebig versetzen, drehen, größer und kleiner machen. Augmented Reality (AR), also eine Erweiterung der Realität, nennt sich diese Technik, die zum Beispiel auch bei Fußballübertragungen zum Anzeigen von Entfernungen bei Freistößen zum Einsatz kommt. „Wir könnten auch den Baum von draußen einfach hier reinsetzen“, sagt die examinierte Künstlerin, der wie allen im Köşk der totgeweihte Baum sehr am Herzen liegt.

Extended-Reality-Workshops

Der Baum spielte auch schon in einem anderen Digital-Workshop eine zentrale Rolle. Kinder und Jugendliche lernten mit einer visuellen Programmiersprache, einem sogenannten Blockcode, mit der schon Grundschüler*innen coden lernen können, eine Geschichte in einer digitalen Umgebung zu programmieren. Held der Geschichte ist besagter Baum. Er flieht, sobald sich ihm die Holzfäller*innen nähern – im Gegensatz zur Realität mit Erfolg. Auch hier lassen sich die Protagonist*innen aus der digitalen Umgebung mittels AR in die reale Welt versetzen oder per Virtual Reality (VR) in ihrer digitalen Welt in 3D besuchen. Die Idee zu den Extended-Reality-Workshops (XR) hatte Aida während der Pandemie, als es darum ging, Angebote für Kulturvermittlung zu entwickeln, die auch von zu Hause aus funktionieren. Über NEUSTART KULTUR schafften sie sich Tabletts, VR-Brillen und Software an. Das Team sowie Kinder und Jugendliche der Digital-Community des Köşk erhielten eine Schulung im Umgang mit der neuen Software und Technik. In den eigenen vier Wänden konnten sie dann mit den virtuellen Räumen experimentieren.

Held der Geschichte ist der Baum. Er flieht, sobald sich ihm die Holzfäller*innen nähern – im Gegensatz zur Realität mit Erfolg.

„Mittlerweile versuchen wir, Jugendliche dazu auszubilden, selbst Workshops zu geben, denn die sind die Profis in diesen digitalen Welten“, erzählt Andrea, deren Welt die Fotografie ist. Sie selbst sei eine „Niete in diesen Sachen“ doch fasziniert von den Möglichkeiten: „Es ist schon wahnsinnig cool, was diese Technik für neue Erlebnisse schafft.“ So erinnert sie sich gerne an einen großen Moment der Entzückung, als eine ältere, fast erblindete Workshopteilnehmerin durch eine VR-Brille Fische vorbeischwimmen sah und begeistert ausrief: „Ach, dass ich noch einmal Fische sehen kann.“

Digitalität und Empowerment

Die Digitalität schafft neue ästhetische Erfahrungsräume für die kulturelle Bildung, die generationenübergreifend erlebt und gestaltet werden können. Die Beschäftigung mit diesen Räumen, das Wissen über deren technische Funktionsweise versetzt gestaltende Nutzer*innen in die Lage, sich kritisch mit den digitalen Medien auseinanderzusetzen – für die Workshopleiterin ein zentraler Punkt ihrer Arbeit: „Nur derjenige, der weiß, wie Sachen funktionieren, kann auch kreativ damit arbeiten, kritisch das Ganze beobachten und selber bessere Lösungen anbieten.“ Insbesondere Kinder und Jugendliche sollen dabei lernen, dass sie nicht nur Nutzer*innen digitaler Medien sind, sondern diese aktiv gestalten können. „Wenn sie dieses Gefühl gegenüber der realen Welt um sich herum haben, fangen sie erst an, darüber nachzudenken, wie diese gestaltet werden soll.“ Digitalität und Empowerment – ein Paar für die Zukunft. Der 20-jährige Pedram hat durch die Digital-Workshops Interesse an der Gestaltung virtueller Welten gefunden. Aida empfiehlt ihm und allen, die sich intensiver mit dem Coden auseinandersetzen wollen, Kurse US-amerikanischer Universitäten wie die des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Diese können im Internet kostenlos heruntergeladen und durchgearbeitet werden.

„Was wir damit machen, überlegen wir uns noch“, sagt Aida, als der Workshop vorüber und der Innenraum des Köşk vollständig eingescannt ist. Das Team, die Anwohner*innen und die Besucher*innen müssen sich nun von ihrem Kulturtreff verabschieden. In der realen Welt wird anstelle des Zwischennutzungsprojekts ein mehrstöckiger, vielfältig genutzter Neubau für den Kreisjugendring München-Stadt, den Träger des Köşk, errichtet. Doch die engagierten Münchner*innen haben nicht allzu weit entfernt einen neuen Ort gefunden. Den alten können sie dann virtuell besuchen.

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