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01.03.2023

#KOMMUNE, Magazin SOZIOkultur, Porträt

Das Stapeltor 6: Ausdauer und Turbulenzen

Von: Dr. Edda Rydzy

Das Stapeltor 6 steht für den Kampf der Duisburger Soziokultur um das Miteinander von Kulturen, Generationen und sozialen Schichten.

Kontraste

Liebe kann anstrengend sein, auch für Parisa Najafi Tonekaboni. Sie liebt Duisburg. Hier kreuzt der Ruhrpott die Rheinstraße, gibt es den größten Binnenhafen der Welt und markiert die neue chinesische Seidenstraße logistische Zukunft. Der Zeitstrahl deutscher Geschichte stößt auf einen Knotenpunkt des globalen Jetzt. So quirlt das Leben zwischen Superlativen, solchen und solchen.

Vor dem Niedergang der Zechen und der Stahlkrise erlebt die Montanindustrie eine gewaltige Blüte. Sie verlangt nach Arbeitskräften wie anderswo selten. Meist kommen sie aus der Türkei, oft auch aus Polen. Dann brauchen die verbliebene High-Tech-Produktion oder die Kulturbetriebe in den umgewidmeten Fabrikgebäuden sie kaum noch, ihre nachgezogenen und nachgeborenen Familienangehörigen ebenso wenig. Im Bundesvergleich liegen die Arbeitslosenquote und die der Empfänger*innen von Sozialtransfers weit über, die Steuereinnahmen pro Kopf weit unter dem Durchschnitt. Mehr als zwei von fünf Einwohner*innen haben einen Migrationshintergrund. Sie tragen die Angelegenheiten ihrer weit über die Erde verstreuten Verwandten immer mit sich. Aus der Gleichzeitigkeit der unterschiedlichen Welten springt für Duisburg ein unerschöpflicher Quell von Ideen und Möglichkeiten. Doch wo sie parallel driften, wo sie nichts miteinander tun, reibt es und kracht, steigt bei hiesigen Wahlen der blaue Balken, werden Erdogans Wahlsiege rauschhaft gefeiert …

Parisa liebt die Möglichkeiten.

Ankommen, aus der Ferne

Bis kurz vor ihrer Geburt versucht der Schah von Persien mit Gewalt, im Iran die Moderne zu erzwingen. Kaum hat man ihn verjagt und Parisa das Licht von Teheran erblickt, drehen die Islamisten das Rad mit noch größerer Gewalt zurück. Weil sie jedwede Spuren westlichen Lebens tilgen wollen, verbieten sie für einige Jahre sogar alle profane Musik. Wehe dem, der in der Öffentlichkeit mit einem Instrument unterwegs ist, ohne Bescheinigung, zum Beispiel von einem islamistischen Revolutionschor. Hinter der Haustür jedoch wächst Parisa mit vielen Büchern auf und mit der Musik, die das diverse Sortiment der elterlichen Kassetten reichlich hergibt. Als kleines Kind muss sie den Vater und den Bruder nach Deutschland verabschieden. Sie macht Abitur. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag ziehen sie und die Mutter ebenfalls nach Köln. Das wartet mit dem Reiz des Neuen, aber nicht nur. Sie kann ein bisschen Englisch, gar kein Deutsch. Ihr Abitur wird nicht anerkannt. Man schlägt ihr eine Lehre zur Dachdeckerin oder Busfahrerin vor. Stattdessen findet sie den Weg in die Abendschule, steckt nach dreieinhalb Jahren das deutsche Abitur in die Tasche, studiert anschließend Islamwissenschaft und lernt ihren Mann kennen. Sie kommt wirklich an. In Duisburg. Ihre erste Zeit in Köln vergisst sie nicht: das sprachlose Verlorensein in einer unverständlichen Welt, das Heimweh, die Sehnsucht nach den zurückgelassenen Freundinnen und Verwandten. Andere Ankömmlinge finden keine Wohnung vor, keinen Vater und keinen Bruder, die sich schon auskennen. Sie haben es noch viel schwerer. Mit Ämtern und Behörden, mit der Gesundheit, mit allem. Neben ihrer Arbeit als Dozentin an der Uni Bonn hilft Parisa, wo sie kann, in Initiativen der Flüchtlingshilfe oder durch das Gestalten und Betreiben eines Sprachcafés.

Begegnung im Wirbel

Inzwischen Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen arbeitet sie 2018 als sachkundige Bürgerin im Kulturausschuss des Stadtrats mit, dann bald als stellvertretendes Mitglied.

Wenig später besucht sie in dieser Funktion eine Veranstaltung im Lokal Harmonie. Dort lernt sie Christian Wagemann kennen und: gleich die volle Härte der Duisburger soziokulturellen Realität. Im Harmonie drängt sich die Szene, lauter Initiativen und Gruppen, die DU erhält(st) Kultur, Soundsalat, Be Neighbours oder Projekt 47 heißen. Mit ihrem Engagement für ein gutes Miteinander in den Nachbarschaften laufen sie seit Jahren gegen Wände. Sie brauchen endlich eine strukturelle Förderung. Christian beeindruckt Parisa. Er spricht zur Sache, ist voll Leidenschaft und Kompetenz, total in seinem Element.

2008 zieht er aus Jülich hierher, um zunächst BWL und Soziologie zu studieren, spezialisiert sich später auf Stadt­entwicklung. Der Gedanke, dass Leute selbstverwaltet Verantwortung für ihr Miteinander in der Kommune übernehmen, zieht ihn an. „Wem gehört die Stadt?“, fragt auch er und engagiert sich in der Szene. Er erlebt unzählige Versuche, eines der vielen leer stehenden Gebäude soziokulturell zu nutzen.

Mit ihrem Engagement für ein gutes Miteinander läuft die Szene seit Jahren gegen Wände.

Gemeinsam durchhalten

Als er in Duisburg ankommt, ist eben gerade die Alte Feuerwache im Stadtteil Hochfeld gescheitert. 2006 hauptsächlich mit Landes- und EU-Mitteln für drei Millionenen Euro als soziokulturelles Zentrum umgebaut, nützt sie den Akteur*innen schlussendlich gar nichts. Da die Stadt nur ihren Teil der Komplementärfinanzierung für den Umbau tragen will, den Betrieb des Zentrums dann aber mit null Euro stützt, da Projektförderungen bekanntlich den laufenden Unterhalt nicht hergeben, geht der Trägerverein nach einem vielversprechenden Start rasch pleite.

Mehrere andere Initiativen rufen: „Hier sind wir! Wir wollen die Alte Feuerwache nehmen!“ Sie quälen sich durch die städtischen Vergabeprozesse. Vergeblich. Mit einer Freiraumkampagne besetzt DU it yourself 2011 eine alte Schule im Stadtteil Laar. Die Polizei holt sie sofort wieder raus. 2012 erhält eine nicht gemeinnützige Organisation den Zuschlag für die Alte Feuerwache. Sie scheitert ebenfalls. Noch einmal eine Initiative zur Rettung des Gebäudes als soziokulturelles Zentrum unternimmt die Szene 2016. Sie brauchen eine jährliche institutionelle Förderung. Was für Duisburg auf jeden Fall der kostengünstigste Weg wäre, mit dem teuren Umbau umzugehen. Wird der nicht soziokulturell genutzt, verlangt das Land ja sein Geld zurück, das es zweckgebunden zur Verfügung gestellt hat. Die Stadt begründet gegenüber der Soziokultur nichts. Sie sagt 2017 nein und überweist 2,8 Millionen Euro an das Land zurück. Deshalb streichen Christian und das Netzwerk die Segel noch lange nicht.

Schaufenster für Interkultur

Ausgerechnet in einer Zeit, in der immer mehr Menschen immer mehr Heimaten verlassen, weil dort nur Elend und in unterschiedlicher Gestalt der Tod sie erwartet; in der diese Menschen auch in Duisberg Leben suchen, wollen die Akteur*innen der Soziokultur ihre Stadt nicht denen überlassen, die wechselseitiges Unverständnis eskalieren und so oder so politisch instrumentalisieren. Gruppen, deren Mitglieder von vier Kontinenten stammen, bündeln ihre Kräfte, gründen 2018 den Verein Projekt 47 und mieten einen leeren Laden in der Münzstraße 47 an. Es soll eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen, Generationen und sozialen Schichten entstehen, Interaktion zwischen allen möglich sein. In Haustürnähe. Niedrigschwellig. Ohne Konsumzwang. Solange das Ladenprojekt läuft, beweist es: Es funktioniert und strahlt aus. Doch gute Ideen und Konzepte, gut gelaunte Mitmacher*innen und pure Selbstausbeutung sind kein dauerhaftes Erfolgsrezept. Vermieter, Stromanbieter, Wasserwerke oder die Telekom verschenken ja nichts. Irgendetwas essen und irgendwo Bett und Tisch haben müssen die 47er schließlich auch noch.

Glück und Fortschritte

Nach knapp einem Jahr, als nichts mehr gehen will und das Ladenprojekt absehbar enden muss, nimmt der Eigentümer des Gebäudes Stapeltor 6 an einer der Veranstaltungen teil. Typen, die selbstverwaltet etwas miteinander anstellen wollen, sind ihm vertraut. Als junger Mann hat er in Berlin Hausbesetzungen und selbstverwaltete Jugendkultur erlebt. Jetzt möchte er in den zwei unteren Geschossen des Stapeltor 6 sehr gern ein soziokulturelles Zentrum beherbergen. Ein halbes Jahr lang stellt er die Räume mietfrei zur Verfügung, anschließend zu günstigsten Konditionen. Strukturelle Förderung, ein Mindestmaß an finanzieller Grundsicherung braucht es dennoch. Inzwischen gibt es einen Kulturentwicklungsplan der Stadt, der den Betrieb eines soziokulturellen Zentrums empfiehlt, gibt es die Bewilligung von 220 000 Euro für den Umbau des Stapeltor 6 und ein Jahr Probelauf, dazu unter der Leitung des Kulturdezernenten eine Ermöglichungsgruppe.

Strukturelle Förderung, ein Mindestmaß an finanzieller Grundsicherung braucht es dennoch.

Nicht selbstverständlich

Angefüllt von der Energie des denkwürdigen Abends im Lokal Harmonie spricht Parisa mit einer Stadtratskollegin einer anderen Fraktion. „So viel Engagement! So viele Jahre! Das ist so wichtig, wir müssen ihnen doch helfen“, sagt sie, „diese Menschen dürfen nicht aufgeben!“ Den und den kenne sie schon lange, erwidert die Kollegin, „der gibt nicht auf.“ Das sollte wahrscheinlich beruhigen. Doch vor dem Hintergrund, dass hierzulande Leuten, die pro bono keinen Finger rühren, Unsummen öffentlicher Gelder hinterhergeworfen werden, bloß, weil sie schon genug davon haben – vor diesem Hintergrund klingt das nicht beruhigend, sondern eher zynisch. Parisa empört es zutiefst, wenn das jahrzehntelange intensive Engagement von Menschen wie Christian und seinen Mitstreiter*innen für selbstverständlich genommen wird. „Das ist alles andere als selbstverständlich“, betont sie und macht die Anliegen der Duisburger Soziokultur zu ihren brennend persönlichen. „Sie wirkt für uns tatsächlich ermöglichend, nicht nur dem verbalen Anspruch nach“, sagt Christian.

Entwicklungen

2020 überschlagen sich die Ereignisse. Der Umbau – zum großen Teil in Eigenleistung – beginnt. Parallel arbeiten Christian und Co. an einem langfristigen Finanzierungs- und Nutzungskonzept, dabei hilft die LAG Soziokultur Nordrhein-Westfalen. Sie unterstützt auch wiederholt finanziell, gegen gröbste Nöte, die trotz der städtischen Mittel bleiben. Über die dauerhafte strukturelle Förderung muss mit dem 2022er Haushalt im Herbst 2021 entschieden werden.

Corona macht Striche durch die Zeitpläne. Die Umbauarbeiten verzögern sich. Veranstaltungen können nicht stattfinden.

Bei den Kommunalwahlen im September 2020 gewinnt Parisa ihren Wahlkreis. Sie wird zur Vorsitzenden des Kulturausschusses gewählt. Der befürwortet Ende Mai einen gemeinsamen Antrag von Bündnis 90/Die Grünen, FDP, Die Linke, CDU und SPD: Das Stapeltor bekommt eine Verlängerung der Probezeit bis Ende 2021 und dafür zusätzliche 80 000 Euro. Die institutionelle Förderung ab 2022 muss trotz allem in diesem Herbst beschlossen werden.

Der ganz Neue

Der frische Stadtrat hat die Verwaltungsstrukturen geändert. Kultur ist nun weg von Familie und Sozialem. Seit Mai gibt es das Dezernat für Umwelt und Klimaschutz, Gesundheit, Verbraucherschutz und Kultur. Das braucht einen Dezernenten und es zu leiten muss man sich erst mal trauen. Matthias Börger tut‘s. Im Augenblick noch verantwortet der Diplom-Bauingenieur Dinge wie Abfallwirtschaft und anlagenbezogenen Umweltschutz in Düsseldorf, er engagiert sich bis zur letzten Minute, um in dem unendlichen Krimi um die Giftmülldeponie Eyller Berg das Beste für die Umwelt und die Bürger*innen herauszuholen. Seit seinen Studententagen mag er die kleinen Kunstformen und Programm-Kino. Über die soziokulturellen Entwicklungen in Duisburg ist er Wochen vor dem Amtsantritt im Bilde. Als er sich in der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen vorstellt, begeistert er Parisa. „So bodenständig, so offen!“, beschreibt sie ihn. Die anderen Fraktionen sehen das ähnlich. Der Stadtrat wählt ihn einstimmig.

Was für ein Cliffhanger. Fortsetzung folgt.

 

Dieser Artikel ist erschienen in der SOZIOkultur 2/2021 Kommune

Autor*innen

  Dr. Edda Rydzy freie Autorin mit Lehr- und Vortragstätigkeit, Chefredakteurin der Zeitschrift SOZIOkultur

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