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02.12.2023

Kultur und Politik, Kulturpolitik, Landesverbände

Grußwort von Ellen Ahbe zum sechsten Sächsischen Fachtag Soziokultur

Beständig nach wandelbaren Lösungen für die Soziokultur suchen!

Die Geschäftsführerin des Bundesverband Soziokultur dankte in ihrer Begrüßungsrede dem Landesverband Sachsen für 30 Jahre starke und nachhaltig etablierte Soziokultur. Sie betonte, dass die Soziokultur in Sachsen kulturelle Teilhabe dort ermöglicht, wo eine engagierte Zivilgesellschaft und gelebte Demokratie dringend nötig sind.

Rede vom 7. November 2023

Guten Tag an alle, die sich heute hier versammelt haben, um das Profil der Soziokultur zu schärfen und ihre Gestaltungskraft für die Zukunft zu unterstützen!

Vielen Dank an dich, Kirstin Zinke, dass ihr mich eingeladen habt, zu diesem Fachtag mit einem vielfältigen Programm, dessen Überschrift „Beständig im Wandel“ gleich eine der Qualitäten der Soziokultur herausstellt: denn sie reagiert seit nunmehr fünfzig Jahren beinahe seismografisch und äußerst flexibel auf gesellschaftliche Entwicklungen. Sie packt kreativ dort mit an, wo Hilfe gebraucht wird. Gemeinsam mit Vertreter*innen von vielen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen sucht die Soziokultur immer wieder Antwort auf die Frage, wie wir gemeinsam leben wollen bzw. können.

Verlässliche Rahmenbedingungen, ausreichend Förderung

Dafür braucht es verlässliche Rahmenbedingungen und ausreichend Förderung! Lieber Landesverband Sachsen, ihr habt die Soziokultur in Sachsen in 30 Jahren nachhaltig etabliert und stark gemacht. Ihr habt kulturelle Teilhabe dort ermöglicht, wo eine engagierte Zivilgesellschaft und gelebte Demokratie dringend nötig sind. Ich sage noch einmal: Wir freuen uns überaus, dass der Landesverband Sachsen wieder Mitglied im Bundesverband Soziokultur ist und unsere Arbeit so tatkräftig bereichert!

Ich nutze heute die Gelegenheit, um die Perspektive des Bundesverbandes auf die aktuellen Herausforderungen der soziokulturellen Einrichtungen mit euch zu teilen.

Die Situation, in der wir uns befinden, ist geprägt von zahlreichen Schwierigkeiten. Die Klimakrise, die Kriege in Europa und der Welt und ihre Ausläufer – aktuell der wachsende Antisemitismus, und zwar nicht nur an den Rändern der Gesellschaft als Folge des schrecklichen Überfalls der Hamas auf Israel - stellen unsere Gesellschaft vor extreme Herausforderungen. Die Rückkehr zum gewohnten Alltag nach der Coronakrise erweist sich für den Kulturbereich als komplexer als gedacht.

Soziokultur widerstandsfähig – trotz vieler Herausforderungen

Soziokulturelle Zentren arbeiten an einem gelingenden Generationenhandschlag, während die rasant fortschreitende Digitalisierung neue Anforderungen an die Gestalter*innen im Kulturbereich stellt. Die Umstellung auf einen nachhaltigen Kulturbetrieb erfordert ebenfalls in hohem Maße Anstrengungen und Entwicklung. Darüber hinaus kämpfen die soziokulturellen Zentren und Initiativen weiterhin mit finanziellen Engpässen, insbesondere hinsichtlich ihrer institutionellen Absicherung, die oft unzureichend ist. Die anhaltende Inflation und steigende Energiekosten stellen zusätzliche Belastungen dar. Die ehrenamtliche Mitwirkung ist tendenziell rückläufig.

Trotz dieser anspruchsvollen Rahmenbedingungen haben sich soziokulturelle Einrichtungen als äußerst widerstandsfähig erwiesen. Wir erleben die Soziokultur nach wie vor als ein dynamisches, optimistisches und an den Interessen und Bedürfnissen breiter Bevölkerungsschichten orientiertes kulturelles Handlungsfeld. Mit spannenden Kulturprogrammen, mit Fantasie und Kreativität setzen sich die Akteur*innen selbst immerfort neue Ziele und entwickeln Strategien, um diese Ziele zu erreichen. Die Soziokultur ist bereit, neue Wege zu etablieren und forschend zu laborieren – die Lust am Ausprobieren ist ein Merkmal ihrer zukunftsorientierten Arbeit.

In allem Wandel auch Bestand

Bei all dieser Freude am Experimentieren sollten wir uns sehr bewusst darüber sein, dass eines Bestand hat: Unsere Arbeit hat große gesellschaftliche und gesellschaftspolitische Relevanz. Angesichts des Anstiegs populistischer und rechtsradikaler Positionen in der Gesellschaft müssen wir uns fragen, wie wir konkret im Alltag umsetzen, einen wesentlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt zu leisten. Wir stehen im Feindbild dieser rechten Bewegungen, aber gerade deshalb sollten wir uns den Herausforderungen stellen und angemessen darauf reagieren.

In unserer demokratischen Gesellschaft ist der beständige Dialog wie auch der Austausch von unterschiedlichen Meinungen und Ideen von entscheidender Bedeutung. Genau da setzen soziokulturellen Zentren an, indem sie Räume schaffen, die neben dem kulturellen Veranstaltungsbetrieb als Dritte Orte für Begegnung und Kommunikation fungieren.

Wichtige Themen wie Inklusion und Integration, die Arbeit mit Geflüchteten, die Erzielung gleichwertiger Lebensverhältnisse durch die Schaffung von kulturellen Angeboten in ländlichen Räumen und die sozial-ökologische Transformation sind keine temporären Meilensteine, sondern gesamtgesellschaftliche langfristige Herausforderungen, denen sich die Soziokultur durch in starkem Maße beteiligungsorientierte kulturelle und diskursive Angebote bundesweit stellt.

Forderung nach Stabilisierung: Soziokultur unterstützen!

Der Landesverband Soziokultur Sachsen hat die ZUTATEN für eine ausgewogene und vielfältige Kulturpolitik im Freistaat Sachsen für die nächste Legislaturperiode formuliert. Wir als Bundesverband unterstützen die Forderungen nachdrücklich!

Das Potential der Soziokultur ist immens, aber es ist auch fragil. Der Bedarf nach einer unterstützenden Struktur zur Stabilisierung, zur kontinuierlichen Verbesserung der Rahmenbedingungen ist quantitativ und qualitativ enorm gestiegen und lässt sich konkret benennen und bemessen.

Die Größe und Qualität der soziokulturellen Zentren rechtfertigen die institutionelle Förderung. Soziokulturelle Zentren institutionell zu fördern, ist im Übrigen eine der Empfehlungen aus dem Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags „Kultur in Deutschland“, der bereits im Jahr 2007 veröffentlicht wurde.

Die Finanzierung der soziokulturellen Arbeit sollte nicht auf die Eigenmittel der Einrichtungen angewiesen sein, da diese oft begrenzt und Einnahmen unsicher sind.

Faire Vergütung und nachhaltige Investitionen

Des Weiteren ist eine faire Vergütung der Angestellten und auf Honorarbasis mitwirkenden Freischaffenden dringend erforderlich. Kulturarbeit muss angemessen entlohnt werden und sich an Tarifregelungen orientieren. Finanzielle Aufwüchse sind notwendig, um die Qualität der Kulturarbeit zu sichern und Fachkräfte zu binden.

Der Bundesverband wird im Schulterschluss mit den Landesverbänden im nächsten Jahre ein Tarifgefüge für die Soziokultur erarbeiten und die Anwendung empfehlen.

Die Finanzierung der soziokulturellen Arbeit sollte auch bauliche Investitionen in die ökologische Sanierung und Barrierefreiheit einschließen, unter anderem auch, um den gesetzlichen Bestimmungen gerecht werden zu können. Der Bundesverband wird mit der Entwicklung von ökologischen Mindeststandards unter Einbeziehung der soziokulturellen Einrichtungen vor Ort modellhaft aufzeigen, was notwendig ist, um die Nachhaltigkeitstransformation gemeinsam zu schaffen – und sie nicht zu einem Prüfstein politischer Gesinnung werden zu lassen.

All diese Herausforderungen mit euch und Ihnen heute an diesem Fachtag zu diskutieren, beständig nach den besten wandelbarsten Lösungen für die Soziokultur zu suchen, darauf freue ich mich heute – und finde es schade, dass ich mich (noch) nicht duplizieren kann. Gerne würde ich an allen vier spannenden Panels teilnehmen!

Ich wünsche uns allen einen wunderbaren und ergebnisreichen Austausch!

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