Dritte Orte gelten zunehmend als wichtige Infrastruktur für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gemeint sind offene Treffpunkte, an denen Menschen außerhalb von Zuhause und Arbeitsplatz zusammenkommen können. In einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Polarisierung gewinnen solche Orte an Bedeutung: Sie schaffen Räume für Begegnung, Austausch und gemeinsames Engagement. Gleichzeitig werden offene Treffpunkte immer seltener, wie der Soziologe Rainald Manthe beschreibt.
Auch der Bundesverband Soziokultur beteiligt sich deshalb an dieser Debatte. Gemeinsam mit zahlreichen Organisationen hat er das Statement „Dritte Orte sind für gesellschaftlichen Zusammenhalt unverzichtbar“ mitentwickelt und unterzeichnet, das die Bedeutung solcher Orte für Demokratie und Zusammenhalt hervorhebt.
Soziokulturelle Zentren sind quasi organisch gewachsene Dritte Orte mit kulturellem und künstlerischem Fokus. Vor diesem Hintergrund stand im Webtalk „Dritte Orte der Soziokultur“ die Praxis im Mittelpunkt. Zwei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Orte entstehen können: das Kulturhaus Wilster in Schleswig-Holstein als fester Treffpunkt und Begegnungsstätte – und der mobile Kulturladen KommVorZone aus Nürnberg, der temporäre Kommunikationsorte im öffentlichen Raum schafft.
Soziokulturelle Einrichtungen als Dritte Orte
Alle soziokulturellen Einrichtungen erfüllen zentrale Merkmale von Dritten Orten. Sie bieten offene, niedrigschwellige Räume, in denen Menschen unabhängig von Herkunft, Bildung oder Einkommen zusammenkommen können. Hier treffen sich Nachbarschaften, Initiativen, Künstler*innen sowie Menschen unterschiedlicher Generationen und Hintergründe. Besucher*innen sind dabei nicht nur Publikum, sondern häufig selbst aktiv beteiligt, etwa durch eigene Projekte, Workshops oder Veranstaltungen. Diese Verbindung aus kultureller Praxis, sozialer Begegnung und gesellschaftlichem Austausch macht soziokulturelle Einrichtungen zu wichtigen Dritten Orten gesellschaftlicher Teilhabe.
Ein Haus öffnen: das Kulturhaus Wilster
Wie ein solcher Ort konkret entstehen kann, zeigte das Beispiel des Kulturhauses Wilster, das von den Einheimischen auch als Wilsters Wohnzimmer bezeichnet wird. Das Haus wurde gezielt als offener Treffpunkt für die ländliche Region entwickelt und bietet heute Raum für unterschiedlichste Aktivitäten und Gruppen. Neben kulturellen Veranstaltungen spielen niedrigschwellige Begegnungsformate eine wichtige Rolle. Menschen kommen hier zusammen, um sich auszutauschen, gemeinsam Projekte zu entwickeln oder einfach Zeit miteinander zu verbringen.
Kerrin Nagel über das Kulturhaus Wilster
Die Arbeit lebt stark vom Engagement vieler Beteiligter. Ehrenamtliche bringen Ideen ein und gestalten Angebote mit. Gleichzeitig braucht es Strukturen und Menschen, die den Betrieb koordinieren und die Entwicklung des Hauses langfristig sichern.
Kerrin Nagel über Ehrenamt und Organisation
Begegnung im öffentlichen Raum: KommVorZone
Neben dauerhaft etablierten Einrichtungen können Dritte Orte auch im öffentlichen Raum entstehen. Das Projekt KommVorZone aus Nürnberg arbeitet mit mobilen Formaten und schafft temporäre Begegnungsorte in verschiedenen Stadtteilen.
Olga Komarova über das Projekt KommVorZone
Dabei knüpft das Projekt an Orte an, an denen Menschen ohnehin zusammenkommen, zum Beispiel Plätze oder Parks, und entwickelt dort kulturelle Angebote und Begegnungsmöglichkeiten.
So entstehen temporäre Räume der Begegnung, die unterschiedliche Gruppen zusammenbringen und neue Formen der Nutzung öffentlicher Räume ermöglichen.
Olga Komarova über temporäre Begegnungsräume als Dritte Orte
Unterschiedliche Formen – eine gemeinsame Idee
Die Beispiele aus Wilster und Nürnberg zeigen, dass Dritte Orte sehr unterschiedliche Formen annehmen können. Sie können in dauerhaft etablierten Einrichtungen entstehen oder temporär im öffentlichen Raum.
Entscheidend ist dabei weniger die konkrete Form des Ortes als seine Funktion, Räume zu schaffen, in denen Menschen freiwillig zusammenkommen, miteinander ins Gespräch kommen und gemeinsam aktiv werden können. Die Studie ‚Begegnung und Zusammenhalt‘ von More in Common Deutschland zeigt, dass Begegnung eine zentrale Voraussetzung für Vertrauen zwischen Menschen ist und dass dafür nicht nur der Ort selbst entscheidend ist, sondern auch wie Begegnung gestaltet wird.
Mitmachen
Im Webtalk sind wir aus Zeitgründen nicht mehr zur letzten Mentimeter-Frage gekommen. Deshalb stellen wir sie hier noch einmal:
Was zeichnet Dritte Orte der Soziokultur aus?
Was fällt Ihnen dazu ein?

Ausblick
Der Webtalk ist Teil einer Reihe, mit der sich der Bundesverband Soziokultur in diesem Jahr vertieft mit dem Thema Dritte Orte der Soziokultur beschäftigt. Weitere Formate werden das Thema aufgreifen, unter anderem ein weiterer Webtalk, ein Themenschwerpunkt auf der Website sowie eine Publikation. Bis zum 17. Mai läuft zudem die Bewerbungsphase für das Programm Allzeitorte. Gemeinsam mehr bewegen.


