Seit 50 Jahren gibt es in Nürnberg die Kulturläden, soziokulturelle Stadtteilzentren. Olga Komarova und Marina Moss leiten die KommVorZone und bringen Kultur in Nachbarschaften, in denen keiner der anderen elf Nürnberger Kulturläden zu finden ist. In den Sommermonaten 2025 arbeiteten sie auf dem Melanchthonplatz, wo sie Ende Mai zum „Schwitzen und Schwatzen“ in eine mobile Sauna einluden. Im Gespräch berichten sie, wie es dazu kam, worüber man in der Sauna spricht und wie mobile soziokulturelle Arbeit funktioniert.
Das Interview führte Laura Armborst.

Laura: Was ist die KommVorZone?
Olga: Wir sind der erste mobile Kulturladen in Nürnberg. Vor ein paar Jahren hat sich die Stadt Nürnberg als Kulturhauptstadt beworben, und es gab etwas Geld für künstlerische Experimente. Diese Finanzierung ermöglichte die Idee, dass Kulturläden vermehrt in den öffentlichen Raum gehen könnten. Daraus entstand ein Projekt, das wir geleitet haben. Wir waren eine Filiale des KUF im südpunkt im öffentlichen Raum, im Annapark. Zwei Sommer lang haben wir dort mit einer Bühne und einem Kiosk mitten im Park Veranstaltungen gemacht.
Marina: Die Nürnberger Südstadt ist recht groß. In diesem großen Gebiet gibt es eigentlich nur einen großen Kulturladen, das KUF im südpunkt. Die Idee der KommVorZone ist es, in die Teile der Stadt zu gehen, in denen es keinen Kulturladen gibt. Wir bringen also niedrigschwellige Kulturangebote zu den Menschen. Die Angebote haben wir immer im Gepäck. Wir haben zwei E-Bikes mit Lastenanhängern und ein Lastenrad und haben alles dabei, was wir für unsere Angebote brauchen.
Laura: Jetzt habt ihr zusätzlich zu den Lastenanhängern auch eine Sauna.
Olga und Marina: Wir haben sie nicht!
Olga: Wir haben sie gemietet. Wir sind ja immer mit den E-Bikes unterwegs, die Sauna muss man mit dem Auto transportieren und pflegen. Wir wollen ja nicht jede Woche Sauna machen.
Marina: Wir haben einen ersten Versuch zum Jubiläum „50 Jahre Nürnberger Kulturläden“ gestartet und am 31. Mai im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe am Melanchthonplatz unter dem Motto „Schwitzen und Schwatzen“ in die mobile Sauna geladen.

Laura: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, aus einer normalen Sauna ein Kulturangebot zu machen?
Marina: Das war die Olga.
Olga: Ich gehe sehr gerne saunieren. Für mich ist Sauna: umschalten und alles loslassen.
In Deutschland ist es so, dass Menschen meistens nicht miteinander sprechen in der Sauna. Hier ist das ein Ort der Ruhe und Meditation. Aber das ist nicht in allen Kulturen so. In Finnland zum Beispiel reden die Menschen in der Sauna miteinander. Sie machen dort Geschäfte und reden über alles Mögliche. Im Südstadtbad, einem städtischen Bad mit Sauna, versammelt sich die ganze Nachbarschaft. Da die Südstadt kulturell sehr vielfältig ist, ist das auch in der Sauna so.
Kurz vor dem Aufguss, wenn alle schon dasitzen und auf den Saunameister warten, entstehen oft sehr lustige Gespräche. Das habe ich eine Weile beobachtet und immer wieder gedacht, wie schön es wäre, eine Sauna als soziokulturellen Ort zu haben. Ich habe mich aber nicht getraut, das im Team anzusprechen, bis ich gesehen habe, dass in Chemnitz eine Sauna als Kulturort geschaffen wurde.
Laura: Ende Mai 2025 wart ihr zum ersten Mal mit der Kultursauna im öffentlichen Raum. Wie hat es funktioniert? Haben die Besucher sich den Saunabesuch eingeplant? Man ist ja selten mit Handtuch und Badekleidung in der Stadt unterwegs. Wie kann ich mir so einen öffentlichen Saunanachmittag in Nürnberg vorstellen?
Olga: Also es waren schon ein paar Leute da, die das geplant haben, die extra für die Sauna gekommen sind. Aber es waren auch Nachbarn da, die gar nicht wussten, dass das passiert. Ich hatte das Gefühl, dass es den Menschen gefällt und dass sie interessiert nachfragen, was los ist.
Nicht jeder geht in die Sauna, aber so eine Sauna sorgt auf jeden Fall für Aufmerksamkeit. Einer der Nachbarn hatte überhaupt keine Berührungsängste. Ich habe ihn angesprochen, und er hat gesagt: „Ich komme gleich zurück.“ Dann kam er mit Badehose und Handtuch.
Marina: Die Kinder aus der Nachbarschaft fanden es auch richtig gut. Am Melanchthonplatz sind immer sehr viele Kinder unterschiedlichen Alters, also von fünf bis zwölf, die kennen uns schon. Sie waren von Anfang an unkompliziert und hatten keine Berührungsängste. Für sie haben wir auch noch eine Wasserrutsche aufgebaut.

Laura: Olga, du hast gesagt, du wolltest gerne, dass in der Sauna wirklich diskutiert und über verschiedene Themen gesprochen wird. Hat das funktioniert, und wie hat es funktioniert? Gab es eine Moderation, die Themen hereingegeben hat? Hast du das gemacht?
Olga: Eine große Moderation war es nicht. Es ist doch klar: Wenn in der Sauna nicht verboten wird zu reden, dann entstehen die Gespräche automatisch. Wir hatten außerdem einen ganz tollen Saunameister. Er ist ausgebildeter Erzieher und hat auch als Erzieher gearbeitet, bevor er seine Umschulung zum Bade- und Saunameister gemacht hat.
Ich denke, dass er diese Gespräche aufgegriffen und ein bisschen gelenkt hat.
Es gab einige sehr schöne Momente, beispielsweise als zwei Menschen im Gespräch beim Saunieren festgestellt haben, dass sie im gleichen Haus im gleichen Stockwerk wohnen.
Marina: Wir hatten auch viele Gespräche draußen, auch mit dem Oberbürgermeister, der uns eine Stunde besucht hat. Vor der Sauna gab es eine Tee-Station, Kekse und ein bisschen Obst. Auch wer nicht in die Sauna wollte, konnte sich hier unterhalten. Die Sauna war ein guter Anlass und Anknüpfungspunkt.

Olga: Ein Nachbar hat gesagt: „Ich wohne hier in der Nähe, aber irgendwie fühle ich mich hier gar nicht gut.“ Er sieht den Melanchthonplatz nicht als Ort, an dem man sich gerne aufhält oder wo man vielleicht auch Leute kennenlernen könnte. Wir haben gemerkt, dass es eigentlich nur ein kleines Angebot braucht, um die Menschen ins Gespräch zu bringen.
Wir bringen zum Melanchthonplatz immer Picknickdecken und Liegestühle mit. Die Leute kommen auch auf uns zu und leihen sich manchmal eine Picknickdecke. Wir sind regelmäßig vor Ort, und es gibt Angebote wie kostenlose Yogastunden und parallel eine Vorlesestunde für Kinder.
Marina: Der Melanchthonplatz ist eine Grünfläche in einem Teil der Südstadt, in dem es kaum Grünflächen gibt. Auf dem Platz ist aber nicht viel: ein alter Spielplatz und ein paar Sitzgelegenheiten am Rand. Es gibt eine Gruppe, die dort eigentlich den ganzen Tag sitzt, wir nennen sie die Wohnzimmergruppe. Die sitzen dort mit ihren Hunden und konsumieren Alkohol. Klar gibt es dort auch Konflikte. Der Platz ist auch in der Südstadt kaum bekannt oder als „dieser krasse Ort“ bekannt.

Olga: Der Platz soll 2027 saniert werden. Wir begleiten den Beteiligungsprozess zur Umgestaltung des Melanchthonplatzes. Dafür braucht es manchmal besondere Formen der Bürgerbeteiligung. Wenn wir die Menschen fragen, was sie sich wünschen, dann fällt ihnen oft gar nichts ein, es fehlt die Vorstellungskraft. Mit unserer Arbeit können wir kleine Impulse geben, zum Beispiel, dass es schön wäre, wenn Kinder auf dem Platz immer mit Wasser spielen könnten, nicht nur, wenn wir eine Wasserrutsche aufbauen.
Marina: An anderen Orten in der Südstadt haben wir sehr gute Erfahrungen mit Speed-Dating mit Politiker*innen gemacht. Wir schaffen den Rahmen und bringen die Menschen miteinander ins Gespräch. So erfährt die Politik direkt von den Bedarfen vor Ort, und zugleich fühlen sich die Menschen wahrgenommen.

Laura: Wie macht ihr weiter? Auf welchem Platz im Nürnberger Süden werdet ihr in den nächsten Jahren zu finden sein?
Olga: Wir sichten gerade, wo es welche Bedarfe gibt. Es gibt genug. Eigentlich könnte man noch mehrere KommVorZonen haben. Immer wieder wird in Bürgerbefragungen bemängelt, dass Orte und Anlässe zur Begegnung fehlen. Man kann neue Stadtteile erschaffen und Wohnungen bauen, aber damit ist es nicht getan. Das muss sich mit Leben füllen, und die Leute müssen sich untereinander kennenlernen. Das muss man mitdenken, begleiten und dafür auch ein gewisses Budget bereitstellen.
Laura: Vielen Dank für das Gespräch.
Olga Komarova berichtet am 5. März 2026 in unserer Webtalk-Reihe Treffpunkt Soziokultur zum Thema Dritte Orte der Soziokultur über den mobilen Kulturladen.


