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Im Pavillon Hannover erwerben Teilnehmende an IT-Projekten Kompetenzen für die neuen Technologien und gleichzeitig für den Umgang mit Komplexität.

Wir befinden uns mitten in einer kulturellen Revolution. Als Begleiterscheinungen erfahren auch in den Kernländern der Demokratie Minderheiten stärkere Anfeindung, greifen religiöser und ideologischer Fanatismus um sich. Der Pavillon begegnet diesen Herausforderungen an der Wurzel.

Bis 1963 steht an seiner Stelle das Gerichtsgefängnis Hannover, das auch Richtstätte ist. Hier trennt 1925 ein Fallbeil den Kopf des Serienmörders Fritz Haarmann vom Rumpf, hält man von 1937 bis 1943 den KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann in Isolationshaft, kerkert man 100 Jahre lang unter schändlichsten Bedingungen Lesben und Schwule ein.

Nach dem Abriss des Gefängnisses baut eine Warenhauskette eine Filiale auf das Gelände. Sie zieht bald direkt ins Stadtzentrum. Die „Bürgerinitiative Raschplatz“ verhindert einen erneuten Abriss. 1977 öffnet das Kultur- und Kommunikationszentrum Pavillon seine Türen. Dahinter kein PC nirgends.

Aufbrüche

Susanne Müller-Jantsch tippt ihre Diplomarbeit in den 1980ern noch in die Schreibmaschine. Direkte Bekanntschaft mit einem PC schließt sie zu Beginn der 1990er an ihrer ersten Arbeitsstelle. Im gleichen Zeitraum verbringt Marcus Munzlinger als Grundschüler viel Freizeit mit der Spiele-Konsole. Das tut Justin Laura Hahn, Jahrgang 1995, 500 Meter vom Pavillon entfernt, schon in der Vorschulzeit. Sie besitzt bereits als Fünfjährige ein Handy.

Als Susanne 1996 in den Pavillon kommt, steht das Internet in den Startlöchern. Das Team und die Nutzer*innengruppen sind durch kritische Geister geprägt. Sie lieben es, Finger in gesellschaftliche Wunden zu legen, lieben es, sich in die dank IT völlig neuen Möglichkeiten zu stürzen und das eine mit dem anderen zu verbinden.

„Welt am Draht“, eine Veranstaltungsreihe zu den neuen Medien mit Vorträgen und Performances ist Susannes erstes Projekt. Den Aktiven ist klar: Wie die digitale Welt sich entwickeln wird, das hängt auch von ihnen ab. Sie richten das erste Internetcafé ein, engagieren sich dafür, dass die digitalen Möglichkeiten nicht nur kommerziellen Zwecken dienen, sondern allgemein und kulturell zur Verfügung stehen. Was so einfach und selbstverständlich klingen mag, ist es nicht. Der wirtschaftliche Druck ist ja groß. Das Team des Pavillon setzt sich mit Wirtschaftsvertretern an einen Tisch, es führt Kurse zum Programmieren von Websites durch, hilft dem Staatstheater, eine eigene Website auf die Beine zu stellen, schafft in Kooperation mit der Universität „NANAnet“, ein Online-Bürgerinformationssystem. Es herrschen große Selbstbestimmtheit und Euphorie. Wer mit einer neuen Idee kommt, kann sie leicht verwirklichen. Ein Aha-Erlebnis jagt das andere, Leute treffen sich, diskutieren leidenschaftlich, schlagen sich mit Spaß die Nächte um die Ohren.

Neue Generationen

In diesen Jahren vollzieht Justins Vater die Entwicklungen von Computern und Internet daheim mit. So gehören sie von Anfang an organisch zu Justins Leben. Musik empfängt sie nahezu ausschließlich digital.

Marcus studiert inzwischen. Zunächst in Kiel Philologie, Pädagogik und Soziologie, dann ungefähr eineinhalb Kilometer Luftlinie vom Pavillon entfernt an der Leibniz Universität Hannover Kulturmanagement. Nachdem er bereits französische und englische Vokabeln am PC gepaukt hat, sind digitale Tools für ihn längst nicht mehr wegzudenken. Richtig angekommen in den Studiengängen der Universitäten sind sie aber noch nicht. Seine Kommiliton*innen und er nähern sich ihren fachbezogenen digitalen Möglichkeiten als kollektive Autodidakten. Sie diskutieren kritisch, wie nun zum Beispiel interkulturelle Themen oder historische Narrative verhandelt werden können. StudiVZ als einer der ersten Social-Media-Kanäle spielt eine wichtige Rolle. Youtube kommt gerade auf. Marcus spürt physisch, sozusagen am eigenen Leib, wie unter der Voraussetzung der Digitalität die Geschwindigkeit und der Variantenreichtum der Arbeit zunehmen. Ein paar Jahre arbeitet er für eine kleine Gewerkschaftszeitung. Er entwickelt Content-Management-Systeme, erlebt den jeweils augenblicklichen Zugriff auf bundesweit verstreute Inhalte, die schnelle Anpassung von Tools während der Arbeitsprozesse, die gewaltigen Potenziale vernetzter und remoter Arbeit.

Sie lieben es, Finger in gesellschaftliche Wunden zu legen, lieben es, sich in die dank IT völlig neuen Möglichkeiten zu stürzen und das eine mit dem anderen zu verbinden.

Schließung und Start

Digitale Kommunikation und Arbeit finden in keinen luftleeren, sondern in konkreten stofflichen Räumen statt. Susanne übernimmt es 2010 neben einem zweiten Geschäftsführer, die Kernsanierung und Neuerrichtung zu gestalten. 2012-2013 bleibt der Pavillon komplett geschlossen. Für das Personal gibt es in dieser Zeit einen langfristigen Plan.

Nach viel Stress geht im Januar 2014 der Veranstaltungsbetrieb mit modern ausgestatteten vier Bühnen und zwei Gruppenräumen wieder los. Im immer offenen Foyer steht Besucher*innen, die zum Verweilen, Spielen, Sich-Austauschen oder Arbeiten kommen, freies Internet zu Verfügung. Alle der mehr als vierzig Angestellten haben einen PC-Arbeitsplatz. Auch gemeinsam mit Partner*innen aus Hunderten Initiativen, Einrichtungen und Institutionen realisiert der Pavillon jährlich mehr als 1000 Veranstaltungen und Treffen. Das erfordert intelligente Arbeitsteilung.

Geschichte als Schritt in die Zukunft

Marcus kommt 2013/2014 ins Team, übernimmt Aufgaben im Bereich digitale Soziokultur und politische Bildung. Er weiß, dass Gegenwarten misslingen, sobald sie ihre Vergangenheiten vergessen, dass auf Podien verhandelte Themen über einige Expert*innen hinaus nur wenige erreichen, dass komplexe Situationen mit einseitigen Zugängen nicht zu erfassen sind, sondern Mehrschichtigkeit brauchen.
Marcus zielt mit seinen Projekten ziemlich genau auf das Gegenteil des früheren Frontalunterrichts.

2016 startet „Pavillon Prison Break“. In dem Spiel müssen Rätsel im Pavillon und an anderen Orten Hannovers gelöst werden. Laudatoren loben den partizipativ soziokulturellen Ansatz von „Prison Break“, die Spielenden würden zu Forscher*innen und nebenbei etwas über Geschichte erfahren. Und: Es geht immer auch um brisante, höchstgegenwärtige politische Themen.

In Polen und anderswo beobachten wir seit einiger Zeit Versuche von Mächtigen, die Eigenständigkeit der Justiz auszuhebeln und damit eine Grundvoraussetzung der Demokratie abzuschaffen. Verhindern lässt sich das nur, wenn Mehrheiten der Bevölkerung sich das aus Überzeugung nicht gefallen lassen. Wer „Prison Break“ spielt, muss sich mit politischer Strafjustiz, mit dem Rechtssystem überhaupt, mit richtigen und falschen Gründen für Haft auseinandersetzen.

Spielen und lernen

„Game-Design“ ist für Marcus als Methode der Vermittlung von politischen und historischen Inhalten unverzichtbar. Er führt dazu eine Reihe von Workshops durch. Die Teilnehmenden sind zwischen acht und achtzig, manchmal Zeitzeugen, sie kommen aus Schulen, der politischen Bildung, Förderklassen, Nachbarschaften oder der Gedenkstättenarbeit. Zugänge und Möglichkeiten für ihre persönlichen Beiträge können sie mittels Musik, Stadtgeschichte, Zeichnungen, Geschichte, Erzähltexten, Fotografie und und und finden. Ihre Aufgabe besteht darin, Charaktere für ein Spiel zu einem bestimmten Thema zu entwerfen und die Kontexte zu definieren, in denen sie dann agieren. Marcus erzählt eher nebenbei: „Die Leute wollen immer, wenn sie Charaktere entwickeln, dass die positiv sind.“ Diese Feststellung hilft dem Glauben an die Menschheit zwar sehr. Aber natürlich lässt sich mit ausnahmslos guten Typen kein Spiel entwickeln, das sich zwischen moralischen Dilemmata und unterschiedlichen Standpunkten in komplexen Umgebungen spannt. Unter den Teilnehmenden der Workshops gibt es immer auch so etwas wie heimliche Machtstrukturen. Manche wollen anfangs ihre Ideen mit Nachdruck unbedingt durchsetzen. Doch relativ bald entwickeln sie einen produktiven Willen, „ihr“ Spiel gemeinsam voranzubringen. Unterwegs haben sie sich unter anderem zu fragen, ob ein Polizist, der der Arm einer nationalsozialistischen Diktatur ist, ein „Guter“ sein kann. Oder sie setzen sich mit den Unterschieden zwischen terroristischen Bombenattentaten und kriegerischen Flächenbombardements auseinander. Nach einem Workshop mit einer 10. Geschichtsklasse sagt die Lehrerin über die Teilnehmer*innen: „So viel wie in den letzten zwei Stunden haben sie bei mir im ganzen Jahr nicht gelernt.“

Kinderstube der KI

Justin erlebt diese Entwicklungen unmittelbar mit. 2014 ist sie nach dem Abitur als FSJ-lerin gekommen. Von allen Seiten werden ihr Herzlichkeit und Vertrauen entgegengebracht. Gleich zu Beginn darf sie eigene Veranstaltungen durchführen. Sie entscheidet sich gegen ein Studium und für eine Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau im Pavillon. Als Azubi arbeitet sie bereits am Konzept und der analogen Umsetzung von „Prison Break“ mit. Gefühlt ganz kurz nach dem Abschluss fällt Corona ins Land. Das Haus bleibt erst mal sehr leer.

Doch der Pavillon ruht nicht. Er setzt zum Beispiel pandemiebezogene Fördermittel für seine Streaming-Bühne und für die digitale Infrastruktur ein.

Noch während der Pandemie und vor dem jüngsten Hype entwickeln Marcus und das Team das Projekt „Proto- typing A’n’A – eine künstliche Intelligenz wird geboren“. Rund um die Geschlechterverhältnisse findet eine Reihe von Workshops und Veranstaltungen statt. Mit den

Aussagen der Teilnehmenden und Fakten zum Thema füttern sie einen Chatbot. Von Porno bis Dating ist nichts tabu. Mit der so geschaffenen künstlichen Intelligenz starten sie in die Phase „A&I“. Bislang konfrontiert der Chatbot die Teilnehmenden mit ihren eigenen Floskeln, Stereotypen und reflexhaften Reaktionsweisen. Es geht nun darum, ihn durch kollektive Arbeit an der Datenbank zu sozialisieren, das heißt, ihn so zu entwickeln, dass er seinen menschlichen Partner*innen begegnet, wie sie sich das für sich und andere wünschen. Gut genutzt kann künstliche Intelligenz ein unbestechliches Medium zur Auseinandersetzung mit uns selbst, zum Erlernen wirklicher Kommunikation sein.

Gut genutzt kann künstliche Intelligenz ein unbestechliches Medium zur Auseinandersetzung mit uns selbst sein.

Vielleicht gehört das gefühlte Wissen um die allgegenwärtige Nähe der Barbarei zu den Existenzbedingungen von Demokratie. Im Pavillon entsteht es. Seine Partys rocken zwischen den nicht mehr sichtbaren Silhouetten gequälter Widerständler, Lesben und Schwulen. Die Projektbezeichnung „A’n’A“ geht auf Alan Turing zurück. Er zählt zu den wichtigsten Theoretikern der frühen Computerentwicklung und Informatik, entziffert im Zweiten Weltkrieg für Großbritannien die mit Enigma verschlüsselten Funksprüche der Deutschen. 1952 verurteilt man ihn wegen Homosexualität zur chemischen Kastration. Die Hormonbehandlung führt zu einer Depression. 1953 begeht er Suizid.

Aussichten

Marcus arbeitet seit ein paar Monaten als Sachgebietsleiter für kulturelle Kinder- und Jugendbildung bei der Stadt Hannover. Susanne hat mit Erfolg den Generationswechsel im Pavillon gestaltet und verabschiedet sich in ein Sabbatical. Den Staffelstab trägt Justin weiter. Sie wird kämpfen müssen. Hannover ist wie so viele Kommunen kaputtgespart. Ab 2025 drohen finanzielle Kürzungen. Kommt es dazu, beutet entweder das Team sich selbst aus oder es entstehen weitere vermeidbare Schäden an der Demokratie. Oder beides.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 4/2023 Digitalität

Die freie Szene in Oldenburg hat sich zusammengeschlossen, um ihren Forderungen nach Unterstützung für ihre Nachhaltigkeitsprozesse mehr Gehör zu verschaffen. Dabei nutzen sie die Klimaziele der Stadt für ihre Argumentation. Ergebnis ist ein Policy Paper1, das es in sich hat.

Aktivierung

Die Idee wurde im Januar 2023 in der Kulturetage Oldenburg beim Workshop „Nachhaltigkeitsmanagement im Kulturbetrieb“ geboren, den Franziska Mohaupt, Referentin für nachhaltige Entwicklung des Bundesverbandes Soziokultur, gemeinsam mit Bettina Stiller von der Kultur­etage entwickelt und durchgeführt hat. Die Frage lautete damals: Wie kann der Stiftungsrat der Kulturetage den Nachhaltigkeitsprozess unterstützen?

Im Workshop wurde von Anfang an über die Grenzen der Kulturetage hinausgedacht und diskutiert, denn der Stiftungsrat wollte die Rahmenbedingungen beeinflussen und mit konkreten Forderungen an die Stadt herantreten, am besten gleich für alle Kulturschaffenden in Oldenburg. Die Kulturetage wollte ein Forum für ökologischen Austausch und die Akquise von Fördermitteln schaffen und dafür alle Kulturinstitutionen ins Boot holen. Kernelement: ein Stundenkontingent für Nachhaltigkeitsbeauftrage in Kultureinrichtungen.

Entscheidung: Wir gehen es gemeinsam an

Die Idee wurde zum Beschluss und setzte Energien frei: Insgesamt gab es sechs Treffen mit den Oldenburger Kultureinrichtungen, auf denen über deren Verantwortung, sich für Nachhaltigkeit stark zu machen, wie auch über die notwendige Unterstützung durch die Stadt diskutiert wurde. Der Zuspruch war enorm. Deutlich wurde, dass es ohne zusätzliche personelle Kapazitäten für das Thema nicht gehen wird. Statt jedoch für jede Kultureinrichtung zusätzliches Personal zu fordern, schlug das Bündnis vor, hierfür gemeinsam Forderungen an die Stadt zu stellen.

Dies ermöglicht etwa, dass eine Person das Thema für alle vorantreibt. Gleichzeitig starteten einzelne Einrichtungen erste Schritte, erstellten Klimabilanzen, leiteten Maßnahmen ab und stellten Anträge für die energetische Sanierung von Gebäuden. Das Bündnis verfasste ein Policy Paper, das die eigene Verantwortung und erste Aktivitäten mit dem notwendigen Unterstützungsbedarf geschickt verknüpfte und sich außerdem auf die Klimaziele der Stadt Oldenburg bezog.

Unbedingt nachmachen!

In dem Papier steckt viel Energie. Der Prozess ist ermutigend und kann als Vorbild dienen:

  1. Gemeinschaftlich: Viele, wenn nicht alle Kultureinrichtungen, stehen derzeit vor ähnlichen Fragen. Wie kann ich meine Einrichtung nachhaltiger aufstellen und dem Thema die dafür notwendige Priorität einräumen? Wie komme ich an Informationen und Fördermittel? Sich diesen Fragen gemeinsam zu stellen, macht Mut.
  2. Synergetisch: Wenn es ein gemeinsames Ziel gibt, kann man sich die Aufgaben aufteilen. Die Klimabilanz einer Einrichtung liefert Informationen für Handlungsschwerpunkte und Maßnahmen. Informationen zu Fördermög- lichkeiten können ausgetauscht und Anträge gemeinsam gestellt
  3. Schlagkräftig: Den gemeinsamen Auftritt und die Veröffentlichung von Forderungen und eigenen Aktivitäten kann die Stadt nicht Eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe ist so besser möglich.
  4. Klug: Durch Austausch und das gemeinsame Verhandeln lassen sich häufig bessere Lösungen finden. Möglich wird so beispielsweise, dass eine Personalstelle finanziert wird, die die Nachhaltigkeitsaktivitäten mehrerer Kultureinrichtungen gleichzeitig vorantreiben Das ist viel effektiver, als wenn jede Einrichtung sich allein auf den Weg macht.

Was mit einem Workshop in der Kulturetage begann, ist zu einem Bündnis geworden, das sich nun gemeinsam den Herausforderungen stellt. Anstatt um Fördermittel zu konkurrieren, finden die Einrichtungen einen Weg, wie die Mittel am besten für eine nachhaltige Entwicklung einge- setzt werden. Das ist unbedingt nachahmenswert.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 4/2023 Digitalität

Drei Leute stehen um einen Kürbis. Alle drei wollen diesen haben. Was tun? Und was hat das mit Demokratie zu tun? Die unterschiedlichen Bedürfnisse von Menschen unter Berücksichtigung des gleichen Rechts aller auf freie Entfaltung bewusst zu machen und dies dann in Einklang zu bringen mit einer demokratischen Entscheidungsfindung – das ist nur ein Beispiel dafür, wie das Adolf-Bender- Zentrum demokratische Einstellungen fördert.

Demokratie, Menschenrechte und die Arbeit gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus sind Kernanliegen des Adolf-Bender-Zentrums. Gegründet 1985 in St. Wendel, geht das Zentrum auf den Maler Adolf Bender zurück. Er wurde seit 1933 als politischer Häftling in Konzentrationslagern interniert. Neben seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit den KZ-Erlebnissen war Adolf Bender nach dem Krieg auch als Zeitzeuge unterwegs. Mit diesen Wurzeln fühlt sich das Adolf-Bender-Zentrum bis heute verbunden.

Neben aktuellen Themen ist die Erinnerungsarbeit wichtiger Bestandteil des Engagements. Bei der Vermittlung von Inhalten kommen klassische Methoden der politischen Bildungsarbeit wie Workshops und Vorträge ebenso zum Einsatz wie Film, Theater und Ausstellungen. Zudem bietet das Adolf-Bender-Zentrum Beratungsstrukturen unter anderem zum Umgang mit rechtsextremen Herausforderungen an.

Und was wird nun aus dem Kürbis? Wer hier spontan an die Aufteilung in drei Teile denkt, ist bereits beim dritten Schritt der demokratischen Entscheidungsfindung angekommen. Wer sich auch für die Schritte eins, zwei und vier interessiert, darf gerne beim Adolf-Bender-Zentrum vorbeischauen.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 1/2020 Demokratie

 

Seit 2023 gibt der CO2-Kulturrechner eine einheitliche Erhebungsmethode für die CO2-Bilanzierung von Kultureinrictungen vor. Nun wurde der Rechner mit neusten Emissionsfaktoren zur Bilanzierung aktualisiert und ab sofort nutzbar. Kultureinrichtungen können damit für das zurückliegende Jahr 2023 ihre Treibhausgasemissionen aktuell berechnen.

NEU: CO2-Kulturrechner 2024

Bilanzieren für die Soziokultur

Doch was bringt das Bilanzieren und wie sollte das Tool für die Soziokultur genutzt werden? Sicherlich kann ein Nachhaltigkeitsmanagement auch ohne Bilanzierung gut sein. In vielen Kulturbereichen gehört die Bilanzierung bereits als fester Mindeststandard dazu und Bilanzierung soll zum festen Bestandteil des gesamten Kultubereichs werden. Deshalb wird das Thema auch für die Soziokultur immer bedeutender.

Zunächst stellt die Bilanz eine Zustandsbeschreibung zu einem bestimmten Zeitpunkt dar. Erstellt eine soziokulturelle Einrichtung eine Bilanz in regelmäßigen Abständen, lässt sich eine Entwicklung beobachten. Der Nutzen ergibt sich aus dem, was mit den Informationen gemacht wird, die eine Bilanz liefert.

Wie eine Nutzung des CO2-Kulturrechners sinnvoll ist, haben wir für die Soziokultur deshalb hier zusammengefasst. 

Zudem hat der Bundesverband Soziokultur Ende 2023 ein Projekt begonnen, das gemeinsam mit soziokulturellen Zentren ökologische Mindeststandards für die Soziokultur entwickelt. Mit dem Projekt möchte der Bundesverband den Rahmen für das Mindestmaß an Betriebsökologie für die Soziokultur selbst setzen und praxisnah ausrichten.

 

Der CO2-Rechner für Kultureinrichtungen wurde unter der Federführung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg entwickelt.

Soziokultur und die Open-Source-Community haben viele Berührungspunkte: gesellschaftliche Mitgestaltung, Teilhabe und Selbstbestimmtheit. Dem immer größer werdenden Einfluss weniger Tech-Konzerne mit fraglichen Datenschutzbestimmungen stehen viele kritisch gegenüber. Eine alternative Lösung für die Digitalisierung der Kontaktverwaltung, den Versand von Newslettern und die Spendenverwaltung ist die Freie-Open-Source-Software CiviCRM, die für den gemeinnützigen Bereich entwickelt wurde.

Software von allen und für alle

Die Community, darunter soziokulturelle Akteur*innen, hat sich im September 2023 in Leipzig getroffen, um sich über neue Entwicklungen auszutauschen. Mit 120 Teilnehmer*innen aus über 70 Organisationen war das von Software für Engagierte e.V. organisierte „CiviCamp“ mit dem Schwerpunkt Fundraising das bisher am besten besuchte Treffen in Deutschland. Derzeit wird daran gearbeitet, Demo-Versionen für verschiedene Anwendungsfälle niedrigschwellig verfügbar zu machen. Natürlich unter reger Beteiligung der Anwender*innen getreu dem Credo „Software von allen und für alle“.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 4/2023 Digitalität

Das Internationale Kultur Centrum ufa-Fabrik e.V., besser bekannt als ufa-Fabrik, ist eines der ältesten soziokulturellen Zentren. Auf dem ehemaligen Filmkopierwerks der Aktiengesellschaft für Filmfabrikation (AFIFA), einer Tochtergesellschaft der UFA, gestalten die Mitglieder der ufa-Gemeinschaft seit der friedlichen Besetzung des Geländes am 9. Juni 1979 ein selbstverwaltetes Kultur- und Lebensprojekt. Heute lebt eine Gemeinschaft von etwa 40 Mitwirkenden auf dem Gelände und betreibt dort kulturelle und soziale Projekte, verschiedene Handwerke sowie eine Schule.

Digitale Transformation in einem der ältesten soziokulturellen Zentren

In seiner digitalen Transformation wird die ufa-Fabrik durch das Berliner Programm „kulturBdigital“ unterstützt. Seit März 2022 arbeitet Ole Fass, gelernter Informatiker, als Resilienz-Dispatcher an digitalen Prozessen, dem Ausbau der physischen Infrastruktur und der Erstellung digitaler Tools zur Unterstützung des Kulturprogramms.

Bis jetzt wurden unter anderem eine Panorama-Tour erstellt, eine neue Kontaktdatenbank eingerichtet und neue Ticketing-Lösungen getestet. Ziel ist es, die ufa-Fabrik durch Digitalisierung nachhaltig für die Zukunft aufzustellen.

Wissen und Personal für digitale Resilienz

Alle Beteiligten werden in die Planung neuer Prozesse und Anwendungen einbezogen, damit sie motiviert sind, diese zu nutzen. Bei einer Befragung 2020/2021 haben Berliner Kulturbetriebe häufig angegeben, ihnen fehle das Wissen und Personal, um in der Digitalisierung eine Chance zu sehen.

Zu diesem Zweck fördert der Berliner Senat seit 2021 70 Stellen als Resilienz-Dispatcher*innen.Was genau das bedeutet und was Resilienz-Dispatching heißt, hat Thorsten Baulig, Redakteur bei kulturBdigital hier zusammengefasst. Die Ausgestaltung der Stellen bleibt den Geförderten überlassen. Von der ufa-Fabrik wird das Programm als großes Potential für alle Kulturbetriebe bewertet.

kulturBdigital“ ist ein Kooperationsprojekt der Technologiestiftung Berlin und der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 4/2023 Digitalität

Wie sieht eure soziokulturelle Arbeit in der Zukunft aus? Wie sollte sie aussehen? Was ist die gemeinsame Vision für eine zukunftsfähige Kulturarbeit in ganz Europa und wie kommen wir dorthin? Nehmt teil an einem europaweiten Austauschprozess zwischen Kulturinitiativen, bei dem wir aufbauend auf euren Erfahrungen und Erwartungen gemeinsam an „Visions for the Future“ arbeiten. Kick-Off ist am 5. März 2024, Anmeldung bis 26.2. erforderlich.

Inspirierende Ideen für eine sozial und ökologisch nachhaltigere Zukunft teilen

Die Gesellschaft und damit auch die Kulturarbeit in Europa stehen vor großen Herausforderungen. Zunehmende soziale, ökonomische und regionale Ungleichheiten, Demokratiemüdigkeit, Klimawandel in Echtzeit und die Folgen der aktuellen Krisen setzen Kulturinitiativen und ihre Mitwirkenden unter Druck. Gleichzeitig arbeiten viele Kulturarbeiter*innnen mit inspirierenden und innovativen Ideen und Ansätzen an einer sozial und ökologisch nachhaltigeren Zukunft. Es ist notwendiger denn je, kreative und demokratie-bejahende Kräfte zu bündeln und von Erfahrungen anderer zu lernen.

Gemeinsam europäisch Visionen für die soziokulturelle Arbeit entwickeln

„Visions for the Future“ bietet Raum, mit Kolleg*innen aus ganz Europa mögliche Zukunftsvisionen für die soziokulturelle Arbeit zu diskutieren: Was können wir aus der Gegenwart lernen? Wie könnte eine nachhaltigere Zukunft aussehen? Und was ist die Basis für die Entwicklung von Maßnahmen, die die Soziokultur zukunftsfähig macht?

Ziel ist es, den Grundstein für eine zukunftsfähige Kulturarbeit zu legen, die sowohl eure Kulturinitiative individuell unterstützt als auch die Soziokultur insgesamt stärken soll. Dafür sollen die Erkenntnisse und Ergebnisse des Prozesses in die öffentliche und politische Diskussion einfließen.

Was wann wie konkret?

Es finden drei Online Brainstorming-Sessions statt, stets zu einem thematischen Fokus. Um von abstrakten Überlegungen zu konkreten Ideen zu kommen, werden in den Sessions Design Thinking Techniken eingesetzt. Die Sessions werden von Anna Maria Maria Ranczakowska (wissenschaftliche Mitarbeiterin des European Network of Cultural Centres, ENCC) moderiert und von den FULCRUM Projektpartnern begleitet.

Erstes FULCRUM Online-Brainstorming „Mapping our Future“

Online Brainstorming-Session: Mapping our Future am 5. März von 10 – 13 Uhr

Was passiert gerade in der Welt? Wie beeinflussen diese Ereignisse uns und unsere Kulturorganisationen? Wie können wir die Zukunft aktiv mitgestalten? Inwiefern teilen wir Erfahrungen über regional-spezifische Kontexte hinweg in Europa und inwiefern unterscheiden sie sich?

Anmeldung erforderlich bis 26.2. unter: www.cult.be/form/visions-for-the-future-brainstor

Zielgruppe: Soziokulturelle Akteure

Das Brainstorming richtet sich an alle, die sich in soziokulturellen Initiativen engagieren – gleich ob beruflich oder ehrenamtlich, ob in einem großen Mehrspartenhaus oder einem temporären Kollektiv. Entscheidend ist eure Bereitschaft, Einblick in eure Erfahrungen und Erwartungshaltungen zu geben und der Formulierung einer Vision mitdiskutieren zu wollen.

Die Teilnahme ist kostenlos, eine Vorbereitung ist nicht erforderlich. Lediglich eurer Investment an Zeit ist gefragt!
WICHTIG: Die Arbeitssprache ist Englisch.

„Visions for the Future“ ist Teil von FULCRUM, einem dreijährigen Erasmus+-Projekt im soziokulturellen Sektor und wurde von den Akteuren des European Network of Cultural Centres (ENCC) gemeinsam entwickelt.

Mehr zu FULCRUM.

Wenn es um Non-Profit-Organisationen und Kontaktmanagement geht, fällt schnell der Name CiviCRM. Auch der Bundesverband Soziokultur hat sich für diese Software entschieden und nutzt sie für zahlreiche Arbeitsprozesse. Im ersten Teil der Serie zu CiviCRM geht es um klassischen Einsatzfelder wie Mitgliederverwaltung, Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsverwaltung und die Erfahrungen, die das Team bei der Digitalisierung seiner Prozesse gemacht hat.

Über 700 Mitglieder, rund 1.700 Abonnent*innen des Verbandsmagazins, 3.000 Newsletter-Empfänger*innen, über 3.700 Förderanträge, ein Dutzend Veranstaltungen pro Jahr – die Mitarbeitenden des Bundesverbandes Soziokultur haben täglich mit einer Vielzahl von Daten zu tun. Seit Anfang des Jahres 2020 nutzt der Verband zur Verwaltung dieser Daten und zum Management der dazugehörigen Prozesse die Freie Open Source Software CiviCRM.

Daten und Beziehungen besser managen

Der Bundesverband Soziokultur e.V. engagiert sich als Dach- und Fachverband für die Interessen soziokultureller Zentren. Unsere Mitglieder sind 15 Landesverbände, in denen über 700 soziokulturelle Zentren und Initiativen organisiert sind. Neben der Verbandsarbeit setzen derzeit mehrere Projektteams Förderprogramme für die Soziokultur um. Daher ist die Zahl der Mitarbeitenden in den letzten Jahren stark angewachsen.

Um die Förderprogramme und die Mitgliederdaten effizienter verwalten zu können und auch der Öffentlichkeitsarbeit neuen Schwung zu verleihen, wurde ein CRM nötig.

Die Auswahl des CRMs

Die Wahl von CiviCRM beruhte auf der Empfehlung einer Agentur, die wir zu dieser Zeit für andere Dienstleistungen in Anspruch nahmen. Da CiviCRM explizit für Non-Profit-Organisationen, Verbände und Stiftungen entwickelt wurde, nach den eigenen Bedürfnissen individuell anpassbar ist und einfach über den Webbrowser ortsunabhängig benutzt wird, schien es die geeignete Wahl zu sein. Zudem setzt CiviCRM auf dem Content-Management-System WordPress auf, das wir auch für unsere Website verwenden.

Eine gute Beratung ist Gold wert

Die Implementierung hat ein Dienstleister übernommen, der uns auch heute noch berät beim Support unterstützt und Anpassungen programmiert. Er hat viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Organisationen und kennt die besonderen Herausforderungen unter denen Vereine arbeiten. Mit den Mitarbeiter*innen des Dienstleisters haben wir in den letzten Jahren in vielen Videocalls unsere Arbeitsprozesse und technische Lösungen zu ihrer Optimierung so lange gedreht und gewendet, bis wir am Ende ein für uns gutes Ergebnis hatten.

Mitgliederverwaltung und Datenvisualisierung

Herzstück unseres CiviCRM sind die Daten unserer Mitglieder. Wir erfassen etwa, wann diese im Landes- und Bundesverband beigetreten sind, an welche Adresse das Verbandsmagazin geschickt wird und monitoren mitgliedschaftsspezifische Prozesse.

Ein aktuelles Projekt ist beispielsweise die Umsetzung der Berechnung der Mitgliedsbeiträge mit CiviCRM, die wir über ein Formular umsetzen möchten, um nicht wieder zahllose E-Mails hin- und herschicken zu müssen.

Doch nicht nur in der Datenverwaltung kommt CiviCRM bei uns zum Einsatz, sondern auch in der Visualisierung von Mitgliederdaten für die Öffentlichkeit. Eine bessere Sichtbarkeit und zentrale Auffindbarkeit von soziokulturellen Zentren und Initiativen, das ist schon seit langem ein Herzenswunsch des Verbandes. Über Plugins sind nun all unsere Mitgliedseinrichtungen auf einer Karte und in einer Tabelle dargestellt, die nach verschiedenen Kriterien filterbar ist. Jedes Mal, wenn in der Datenbank eine Adresse aktualisiert wird oder ein neues Mitglied hinzukommt, ist die Information direkt auf der Website zu sehen, da die Daten über eine Programmierschnittstelle bereitgestellt werden.

Unterstützung der Öffentlichkeitsarbeit und Wirkungsmessung

Nicht zuletzt unterstützt CiviCRM klassische Aufgaben der Öffentlichkeitsarbeit. Mit Rundschreiben können wir unsere verschiedenen Gruppen über eine personalisierte Anrede erreichen. Bei jedem Kontaktdatensatz ist hinterlegt, welche Nachrichten die Person erhalten hat und welchen Newsletter sie erhält oder abbestellt hat. Arten von Beziehungen lassen sich individuell konfigurieren und auch Dokumente beim Kontakt hinterlegen. Seit diesem Jahr versenden wir auch unseren Newsletter mit CiviCRM. Diesen erstellen wir mit Mosaico. Das ist eine Erweiterung, die es ermöglicht, aus einer Vorlage per Drag and Drop Newsletter zu erstellen.

Mit einem CRM ist eine datenbasierte Auswertung der Kommunikation einfach möglich. Über automatisch erstellte Berichte ist nachvollziehbar, wie häufig eine Pressemitteilung aufgerufen wurde oder welche Links wie oft angeklickt wurden. Über größere Zeiträume können Bericht nach verschiedenen Kriterien erstellt werden, um regelmäßig zu überprüfen, wie erfolgreich die Aktivitäten der Öffentlichkeitsarbeit sind.

Schlankere Prozesse mit einer zentralen Veranstaltungsverwaltung

Seit einigen Monaten organisieren wir über CiviCRM nun auch unsere Veranstaltungen – Mitgliederversammlungen, Online-Workshops in den Förderprogrammen, Info-Veranstaltungen für die Mitglieder oder Seminare, in denen wir Aufsicht führende Personen für Veranstaltungen weiterbilden. Die zentrale Verwaltung dieser Daten hat viele Vorteile: Anmeldungen verschwinden nicht in individuellen E-Mail-Postfächern und alle Kolleg*innen können in Echtzeit sehen, welche Veranstaltung wie gut ausgelastet ist oder zum Beispiel noch einmal beworben werden sollte.

Unser Verband veranstaltet Seminare zur Veranstaltungssicherheit, deren Teilnahme zertifiziert wird. Kürzlich haben wir die Erstellung und Versendung der Zertifikate automatisiert. Dies spart dem Verbandsmanagement Unmengen an Arbeit. Das alte Vorgehen erforderte, dass aus Listen Namen in Serienbriefe kopiert werden mussten, die dann ausgedruckt und postalisch versendet wurden. Heute klicken wir alle Teilnehmer*innen an, die ein Seminar besucht haben und lösen mit wenigen Klicks aus, dass die Zertifikate erstellt und an die hinterlegten E-Mailadressen versendet werden.

Was wir gelernt haben

Lesson Learned I: Die Einführung eines CRMs ist zugleich Organisationsentwicklung

Wichtig bei der Digitalisierung von bestehenden Prozessen ist, dass alle Beteiligten frühzeitig mit an Bord genommen werden. Um Arbeitsprozesse effizienter zu gestalten, müssen sie zunächst in kleinste Schritte zerlegt werden: Welcher Infotext zur Veranstaltung soll wo angezeigt werden? Bis wann soll eine Anmeldung möglich sein? Welche Informationen aus dem Anmeldeformular benötigt das Verbandsmanagement, welche die Buchhaltung und welche die Leitung des Workshops in Übersichten? Welche Teilnehmer*innen-Status verwenden wir für die einzelnen Prozessschritte? Nicht selten werden dabei bestehende Arbeitsprozesse überdacht und neu gestaltet und die Umsetzung dauert länger als geplant.

Lesson Learned II: Eine sorgfältige Datenpflege und Dokumentation ist unerlässlich

Da in unserem CiviCRM viele Daten zusammenhängen, ist eine genaue Datenpflege unabdingbar. Es sollten klare Regeln zur Benennung eingeführt und auf deren Umsetzung geachtet werden. Kontaktgruppen müssen so benannt und beschrieben werden, dass auch die Kolleg*innen die gewünschte Information auffinden. Im Laufe der Zeit sammeln sich viele Daten an, die ab und an aufgeräumt werden müssen. Doppelte Kontakte müssen bereinigt werden, Datenbankleichen identifiziert und gelöscht werden, um das System aktuell zu halten. Im Prinzip ist CiviCRM wie eine WG, in der die Kolleg*innen zusammen wohnen und ab und an aufräumen müssen, damit kein Chaos entsteht.

Eine gute Dokumentation ist ebenfalls zentral. Zum einen beschreiben wir auf der jeweiligen Oberfläche, wie Prozesse funktionieren, etwa wie Informationen zur Erstellung von Rechnungen für Magazinabonnements gefiltert werden oder wie eine Übersicht für die Anmeldung bei der GEMA exportiert werden kann. Zum anderen ist eine Übersicht über die Arbeitsprozesse in einem Wiki sinnvoll, die dann auf die konkrete Funktion des CRM verweist.

Fazit: Die Reise ist herausfordernd, aber lohnenswert

Obwohl wir bereits seit einigen Jahren mit CiviCRM arbeiten, gibt es noch viele Möglichkeiten der Nutzung, die wir noch nicht ausgeschöpft haben. Die Möglichkeiten, sind schier unendlich, denn die Software wird stetig weiterentwickelt. Dies macht es oft auch nicht einfach. Deswegen es gut ist, sich mit mit anderen auszutauschen, die an ähnlichen Fragen arbeiten.

Ein CRM ist ein komplexes System. Bevor sich eine Organisation für eines entscheidet, ist es gut, sich über die konkreten Anforderungen klar zu werden, die man an die Software hat. Sofern es keine personell gut ausgestattete IT-Abteilung gibt, ist es sinnvoll, einen Dienstleister heranzuziehen. Da CiviCRM speziell für zivilgesellschaftliche Organisationen entwickelt wurde, sind die Dienstleister*innen oft bereits mit ähnlichen Use Cases vertraut. Die Einführung und individuelle Anpassung eines CRMs ist eine zeitintensive Angelegenheit, bei der nicht nur die technische Seite bedacht werden sollte, sondern auch ein Auseinandersetzen mit den eigenen Strukturen notwendig ist. Für unseren Verband hat sich die Einführung von CiviCRM definitiv gelohnt und wir sind froh, uns auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben.

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Pressemitteilung, 29. Januar 2024

Bundesverband Soziokultur e.V. und Robert Bosch Stiftung unterstützen Formate der Demokratiearbeit an Alltags- und Freizeitorten mit jeweils bis zu 50.000 Euro. Soziokulturelle Zentren, politische Bildner*innen und Betreiber*innen von Alltags- oder Freizeitorten können sich mit gemeinsamen Projektideen bewerben. Bewerbungen sind bis zum 10. März 2024 möglich.

Gemeinsam die Demokratie stärken. Dieses Ziel verfolgen der Bundesverband Soziokultur und die Robert Bosch Stiftung GmbH mit einem neuen Förderprogramm für lokale Demokratieprojekte. Mit dem Programm „Allzeitorte. Gemeinsam mehr bewegen“ unterstützen die beiden Organisationen Beteiligungsformate, die Menschen dort erreichen sollen, wo sie sich im Alltag und in ihrer Freizeit aufhalten: im Fußballverein, im Schrebergarten, im Fitnessstudio oder in der Kiezkneipe. Insgesamt werden zehn Projektideen mit jeweils bis zu 50.000 Euro gefördert. Bewerbungsschluss ist der 10. März 2024.

„Immer mehr Menschen fühlen sich von der Politik weder gehört noch angesprochen“, sagt Antje Scheidler, Teamleiterin Demokratie bei der Robert Bosch Stiftung. „Wenn das Vertrauen der Bevölkerung in demokratische Prozesse schwindet und der Wunsch nach Beteiligung unerfüllt bleibt, erhalten populistische Stimmen Auftrieb. Dem wollen wir entgegenwirken und Aktionen ermöglichen, bei denen Menschen den Wert von Demokratie und Gemeinschaft in ihrem persönlichen Umfeld erleben können.“

Bewerben können sich soziokulturelle Zentren, politische Bildner*innen und Betreiber*innen von Alltags- oder Freizeitorten mit Projektideen, die sie gemeinsam entwickeln und durchführen wollen. Beispiele für Alltags- und Freizeitorte sind Räume zivilgesellschaftlicher Vereine und Verbände wie Feuerwehr, Fußball- und Schützenvereine, Schrebergärten, Landfrauen- und Elterngruppen, aber auch kommerzielle öffentliche Orte wie Eckkneipen, Einkaufszentren, Fitnessstudios, Shisha-Bars und Tankstellen.

„An Alltags- und Freizeitorten braucht es glaubwürdige Brückenbauer*innen“, sagt Heike Herold, Vorstandsmitglied des Bundesverband Soziokultur. „Mit dem neuen Programm wollen wir ihnen die Möglichkeit geben, innovative Ideen für Demokratiearbeit zu entwickeln und auszuprobieren. Menschen sollen sich als aktive Gestalter*innen ihrer Umgebung erleben und im Idealfall längerfristige Anlaufstellen für ihre Anliegen finden.“

Die Ausschreibung endet am 10. März 2024, danach wählt eine Jury zehn Projekte aus. Ab April folgt eine dreimonatige Konzeptphase. Die einjährige Umsetzungsphase endet im Juni 2025. Ergänzt wird das Programm durch Vernetzungs- und Weiterbildungsangebote sowie eine fachliche und wissenschaftliche Begleitung.

Weitere Informationen:

www.soziokultur.de/programme/allzeitorte/

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Der Bundesverband Soziokultur e. V. ist der Dach- und Fachverband soziokultureller Akteur*innen in Deutschland. Mitglieder sind 15 Landesverbände, in denen über 700 soziokulturelle Zentren und Initiativen organisiert sind. Der Verband engagiert sich für die Anerkennung soziokultureller Arbeit als fester Bestandteil kulturellen Lebens und setzt sich auf Bundesebene für ihre angemessene Förderung ein.
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Kontakt: Barbara Bichler | Barbara.Bichler@soziokultur.de | 0176 45 75 66 88

UTOPOLIS vor dem inneren Auge: Ein Beduinenzelt, umgeben vom tosenden Wuppertaler Verkehr, in dem Anwohner*innen bei einem Glas Tee auf die Suche nach gemeinsamen Oasen gehen. Zwei rote Sessel mitten im Park der Hildesheimer Nordstadt, die einladen, Anekdoten aus dem persönlichen Alltag für einen Podcast beizusteuern. Ein Klangspielplatz an einer Straßenkreuzung in Lübbenau, an der Passant*innen spontan Worte, Töne und Geräusche ins Mikrofon rufen. – All diese Aktivitäten geben der Nachbarschaft eine Stimme und motivieren, die eigenen Geschichten und Nöte, Träume und Ideen zu erzählen und sich so aktiv an der Gestaltung des Stadtteils und seiner kulturellen Angebotsstruktur zu beteiligen.

16 Standorte, 5 Jahre, partizipativ und demokratisch

Genau dies war die Zielsetzung des Bundesprogramms „UTOPOLIS – Soziokultur im Quartier“, das von 2018 bis 2023 im Rahmen der ressortübergreifenden Strategie „Soziale Stadt – Nachbarschaften stärken, Miteinander im Quartier“ von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur für Medien sowie dem Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen finanziert und vom Bundesverband Soziokultur inhaltlich und administrativ begleitet wurde. In bis zu fünfjährigen Entwicklungsprozessen erprobten bundesweit 16 soziokulturelle Zentren in ihren Stadtteilen neue kreative Beteiligungsformate. Im Fokus standen die Fragen: Inwiefern kann mit Kunst und Kreativität das Leben im Stadtteil freundlicher gestaltet und zukunftsorientiert ausgerichtet werden? Wie können insbesondere auch diejenigen Bewohner*innen erreicht werden, die sich in den bestehenden kulturellen Angeboten bisher nicht wiederfinden?

Das Hauptaugenmerk lag darauf, partizipativ und bürger*innennah die Bedarfslagen im Quartier zu ermitteln und unterschiedliche Anwohner*innengruppen einzubeziehen, um künstlerische Angebote zu entwickeln. Dies hat an fast allen Standorten ermutigend gut funktioniert. Was waren nun die Faktoren, die – neben dem unermüdlichen Engagement der Projektakteur*innen vor Ort – zum Erfolg beigetragen haben? Nicht nur pandemiebedingt haben auch digitale Formate eine Rolle gespielt.

Ernstgemeinte Partizipation

In ersten Aktionen ging es darum, an stark frequentierten öffentlichen Orten auf das Programm und seine Möglichkeiten aufmerksam zu machen. Niedrigschwellige künstlerische Formate sammelten erste Stimmungsbilder und Erwartungen der Bewohner*innen und weckten die Neugier. Dabei kamen die Projekte mit aufrichtigem Interesse an Themen und Problemlagen zu den Menschen und nicht umgekehrt.

Die Herausforderung von Beteiligungsprozessen ist, dass oft vor allem diejenigen erreicht werden, die ohnehin schon engagiert sind. Bevölkerungsgruppen, die sich ausgeschlossen fühlen, gestalten ihren Lebensraum nicht unbedingt aktiv und selbstbestimmt mit. Das Gefühl des Abgehängtseins, des Nicht-dazu-Gehörens erzeugt eher Spannungen und kann dazu führen, dass Diversität im Wohnviertel als Bedrohung empfunden wird. Hier haben die Projekte von Anfang an Wege gesucht, wie die Nachbarschaft in all ihrer Heterogenität erreicht und mitgenommen werden kann. Über gemeinsame Aktivitäten und Teilhabe an Angeboten konnte das „Wir-Gefühl“ gestärkt werden. Kunst und Kultur wirkten als Türöffner und bestärkten und ermutigten die Menschen, sich mit ihrem Stadtteil und dem nahen Wohnumfeld auseinanderzusetzen. Nachbar*innen lernten Geschichten und Sichtweisen voneinander kennen und konnten so Verständnis fürei- nander entwickeln und Vorurteile abbauen. Vorschläge mündeten in konkrete Maßnahmen und Schritte.

Die Projekte kamen mit aufrichtigem Interesse an Themen und Problemlagen zu den Menschen. Und nicht umgekehrt.

Gute Rahmenbedingungen

Anliegen von UTOPOLIS waren insbesondere die Annäherung schwer erreichbarer Zielgruppen an den Stadtteil, die Vermittlung der Zusammenhänge und Möglichkeiten im Sozialraum sowie die Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmenden. Häufig bedeutete dies eine langwierige Beziehungsarbeit. Positiv war, dass durch die mehrjährige Laufzeit der Projekte Schritt für Schritt Vertrauen aufgebaut und mit Formaten experimentiert werden konnte. Eine große Rolle spielte, dass die Zentren sich unmittelbar in der Nachbarschaft derer befanden, die sie adressieren wollten. Dicht dran an den Themen und Herausforderungen im Stadtteil und selbst Ort der alltäglichen Begegnung konnten sie so mit ihren Räumen längerfristige Anlaufstellen bieten.

Kontinuität wurde auch dadurch gewährleistet, dass Personal für die Vernetzungsarbeit gefördert wurde, was eine verlässliche Begleitung und eine kompetente Moderation der Prozesse mit fortwährender Themenermittlung und bedarfsorientierter (Um)Steuerung ermöglichte. Die beteiligten Zentren konnten auf langjährig gewachsene Netzwerkstrukturen zurückgreifen und diese durch das Projekt vertiefen und erweitern. Neben kulturellen und sozialen Organisationen gehörten Gewerbetreibende und Wohnungsgesellschaften ebenso wie Jugendzentren, Seniorenheime, Kitas, Schulen, kommunale Verwaltungen und insbesondere das Quartiersmanagement zu den wichtigen Partner*innen.

Durch die mehrjährige Laufzeit konnte Schritt für Schritt Vertrauen aufgebaut werden.

Digitaler Transfer

Um das Rad trotz modellhafter Erprobung nicht immer wieder neu zu erfinden, kam dem bundesweiten Transfer von Erfahrungen eine wesentliche Bedeutung zu. Neben Quartiersbesuchen, Netzwerktreffen und Konferenzen in Präsenz tauschten sich die Projektakteur*innen regelmäßig online aus und beschrieben auf der Website in Blogbeiträgen, Videoclips und einer Toolbox die erprobten Formate rezeptähnlich zum Nachmachen.

Doch nicht nur beim Wissenstransfer, sondern auch in der alltäglichen Umsetzung vor Ort spielte Digitalität eine Rolle. Hier war die Pandemie ein Motor, Angebotsformen zu entwickeln, um mit der Nachbarschaft in Kontakt zu bleiben. Es entstanden Online-Workshops und Video-Tutorials, teilweise von Jugendlichen aus dem Quartier angeleitet, denen dafür in den Projekten das notwendige Handwerkszeug vermittelt wurde. Mit Kulturbeuteln voller Gestaltungsmaterialien wurden, zum Beispiel in Seniorenheimen über Sozialarbeiter*innen, mit Online-Anleitungen auch diejenigen erreicht, die monatelang ihre Wohnungen kaum verlassen konnten. Podcasts, virtuelle Fotogalerien und Installationen mit Geschichten aus der Nachbarschaft ließen Menschen miteinander in Verbindung bleiben.

Was bleibt?

Für die Zentren stand von Anfang an im Fokus, nachhaltige Strukturen zu schaffen, um die Aktivitäten nach Auslaufen der Bundesförderung weiterführen zu können. Dies ist erfreulicherweise der Hälfte aller Projekte gelungen. An mehreren Standorten war den Kommunen die Arbeit der Zentren so wichtig, dass sie Mittel für die weitere Quartiersarbeit bereitstellten. Einige Standorte konnten Stiftungs-, Landes- oder Bundesmittel akquirieren. Neben den zahlreichen Transformationen im Kleinen und der Weiterführung der Arbeit vor Ort wird UTOPOLIS vor allem digital fortbestehen: Auf der Website des Bundesverbands Soziokultur unter www.soziokultur.de ist unter dem Button „Qualifizierung“ die Toolbox mit über 150 Methoden abrufbar. Nutzung und Nachahmung sind ausdrücklich erwünscht!

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 4/2023 Digitalität