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Am 25. September 2024 wird Quedlinburg zum Zentrum der Soziokultur in Sachsen-Anhalt. Beim “Tag der Soziokultur” treffen sich Akteure der Soziokultur, Vertreter der Landes- und Regionalpolitik sowie Künstler und Besucher, um die Vielfalt der soziokulturellen Arbeit zu feiern und einen offenen Dialog über Strukturen, Bedürfnisse und Zukunftsperspektiven zu führen.

Straßenfest der Soziokultur

Das Soziokulturelle Zentrum Dachverein Reichenstraße e.V. in der Welterbestadt Quedlinburg wird dabei zum Mittelpunkt des Geschehens. Das Straßenfest der Soziokultur entlang der Reichenstraße bietet ein breites Spektrum an kulturellen Aktivitäten wie Theater, Zirkus, interaktive Workshops, Tanz, Film, Literatur, bildende Kunst und musikalische Darbietungen von Bands aus Sachsen-Anhalt für alle Altersgruppen.

Soziokultur trifft Politik

Beim Programmpunkt Soziokultur trifft Politik kommen Vertreterinnen und Vertreter der Landespolitik und Akteure der Soziokultur aus Sachsen-Anhalt und darüber hinaus zusammen, um über Entwicklungsstrategien und Unterstützungsmöglichkeiten zu diskutieren.

Dass die LASSA sich in Diskussionen, auch in unliebsamen, in Sachsen-Anhalt stark und eindeutig behaupten kann, stellte sie im Juni nach den Europawahlen unter Beweis. Stellvertretender Vorstand Marcus Kaloff war als Vertreter der Kulturszene zum Polittalk “Fakt ist!” im MDR-Fernsehen eingeladen.

Abend der Soziokultur

Den feierlichen Abschluss bildet der Aabend der Soziokultur, der ab 19:00 Uhr im Hof des Kulturzentrums Reichenstraße stattfindet.

Zum 40-jährigen Geburtstag der Zinnschmelze in Hamburg machte Markus Pitz, neuer Amtsleiter der Behörde für Kultur und Medien Hamburg, der Soziokultur eine beeindruckende Ankündigung: Ab 2025 seien im städtischen Haushalt Gelder für Tarifanpassungen und Inflationsausgleich für die Mitarbeitenden der Soziokultur reserviert. Dabei handelt es sich nicht um ein Geschenk zum Jubiläum, sondern um eine Anerkennung der Leistungen dieser Szene, die vom Dachverband Stadtkultur Hamburg und seinen Mitgliedern intensiv vorbereitet wurde. Nach Entscheidung im Parlament könnte es nächstes Jahr schon losgehen.

Quantensprung: institutionelle Förderung, Tarifanpassungen und Inflationsausgleich für Soziokultur

Bei der Podiumsdiskussion in der Zinnschmelze wertete Heike Herold, Geschäftsführerin von Soziokultur NRW und Vorständin des Bundesverband Soziokultur, die Entwicklung als echten Quantensprung. Nicht nur, dass der Stadtstaat Hamburg die Soziokultur ohnehin schon institutionell fördert, jetzt werden Tarifanpassungen, Inflationsausgleich und Neueingruppierungen der Stellen vorbereitet.

Die Länder Baden-Württemberg, Hamburg, Hessen und Sachsen kümmern sich ebenfalls strukturell um soziokulturelle Einrichtungen, die niedrigschwellige Angebote zur kulturellen Teilhabe machen, gesellschaftspolitisches Lernen und demokratisches Verhalten in und um ihre Häuser für Begegnung fördern. In NRW macht sich Soziokultur NRW seit Langem stark für eine strukturelle Förderung der soziokulturellen Zentren. Das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW befürwortet dieses Fördermodell auch, begründet das Aussetzen der Einführung allerdings mit der Haushaltslage.

Lustvolle Debatte über Ehrenamt, Inklusion, Diversität, Demokratiearbeit, Generationswechsel

Auf dem Podium diskutierten aus Hamburg Markus Pitz, Amtsleiter Behörde für Kultur und Medien, Kulturmanagerin Ana Amil und Moderator Elmar Lüth. Heike Herold, Geschäftsführerin von Soziokultur NRW und Vorständin des Bundesverband Soziokultur, war aus Münster angereist. Die Panelist*innen verhandelten zusammen mit dem Publikum lustvoll und lebendig über die Verantwortung ehrenamtlicher Vorstände, den Generationenwechsel in der Soziokultur, inklusive künstlerische Angebote, Diversität und die hohe Bedeutung der demokratierelevanten Arbeit in der Soziokultur.

Kulturelle Grundversorgung und Vielfalt erhalten – zu diesem Thema fand am 1. Dezember 2023 im Peter-Weiss-Haus in Rostock der erste Fachtag Soziokultur in Mecklenburg-Vorpommern statt. Eingeladen hatte der Landesverband Soziokultur. Mehr als 60 interessierte Besucher*innen waren gekommen, darunter Vertreter*innen der Landes- und Kommunalpolitik, Aktive aus soziokulturellen Einrichtungen sowie Interessierte aus anderen Verbänden und Netzwerken. Susanne Bowen, Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten Mecklenburg-Vorpommern, und Eva-Maria Kröger, Oberbürgermeisterin der Hansestadt Rostock, begrüßten das Fachpublikum und betonten die Bedeutung der Soziokultur.

Evaluation: Wie geht’s der Soziokultur in Mecklenburg-Vorpommern?

Doch wie geht es der Soziokultur im Nordosten? Welche Auswirkungen hatten und haben Corona-Pandemie, Energiekrise und Rechtsruck auf die Zentren und Initiativen in Mecklenburg-Vorpommern? Was braucht es, um ein lebendiges soziokulturelles Leben im Land zu erhalten und zukunftsfähig zu gestalten? Funktioniert der Generationenwechsel in den Einrichtungen? Gibt es Nachwuchs im Haupt- und Ehrenamt?

Im Rahmen des Projektes „Tour de Soziokultur“ hatte der Landesverband Soziokultur Antworten auf diese Fragen gesucht. Das vom Fonds Soziokultur und dem Land Mecklenburg-Vorpommern geförderte Projekt wurde von Oktober 2022 bis Oktober 2023 durchgeführt, alle 56 Mitgliedseinrichtungen des Landesverbandes waren eingeladen, an einem persönlichen Gespräch und einer Online-Befragung teilzunehmen. Deren Ergebnisse wurden auf dem Fachtag präsentiert.

Was sagt die Statistik?

Die größte Herausforderung für soziokulturelle Einrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern ist die finanzielle Absicherung: Angemessene Honorare für Künstler*innen, steigende Preise durch die Inflation, die Abhängigkeit von Förderungen und die Ungewissheit über die Publikumszahlen bereiten den Engagierten im Land Sorgen. Um die anfallende Arbeit gut bewältigen zu können, bräuchten die Einrichtungen durchschnittlich 2,5 zusätzliche Vollzeitstellen. Mehr Mitarbeiter*innen einzustellen und diese in Anlehnung an die Entgeltstufen des öffentlichen Dienstes zu entlohnen, ist für sie aber genauso wenig leistbar wie die Zahlung von angemessenen Honoraren an Künstler*innen. Die soziokulturellen Zentren wollen gern fair bezahlen, die Mittel aus der Kulturförderung der Kommunen und des Landes reichen aber bei Weitem nicht aus. Ohne Erhöhung der Fördersummen stellt die Verpflichtung zur Zahlung von verbindlichen Mindesthonoraren, wie sie die Landeskulturförderrichtlinie vorsieht, Vereine vor ein nahezu unlösbares Dilemma; siehe auch unter www.kulturverbände mv.de/2023/11/08/mindesthonorare. Höhere Kosten sollen nicht an Nutzer*innen weitergegeben werden, kulturelle Teilhabe soll allen offenstehen. Denn nur so kann Soziokultur auch in Zukunft demokratiefördernd wirken.

Aktuelle Themen? Demokratie, Armut, Rassismus, Digitalisierung, KI

Mit ihren Angeboten greifen die Zentren gesellschaftliche Fragen auf und ermöglichen die Teilhabe vieler. In mehr als 80 Prozent der befragten Einrichtungen finden Kurse oder Workshops statt, Formate, die aktive Beteiligung fördern. Fast alle gaben an, in ihren Programmen auf aktuelle Themen wie Demokratie, Jugendbeteiligung, Teilhabe und Zusammenhalt einzugehen, aber auch auf Armut, Rassismus und andere Diskriminierungen, die Menschen von der Teilhabe ausschließen. Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit finden genauso Berücksichtigung wie Migration, Flucht, Asyl und Integration oder Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Die Angebote entstehen in der Regel gemeinschaftlich, unter Beteiligung der Nutzer*innen.

Zukunftsfragen

Diese Erkenntnisse aus der „Tour de Soziokultur“ bildeten die Grundlage für den Diskurs auf dem Fachtag. Vertreter*innen der Vereine äußerten sich aber auch besorgt über undemokratische Tendenzen im ganzen Land, die manchmal motivierend, oft aber auch hemmend wirken. Sebastian Schubert, Projektkoordinator für das mobile Tanzlokal Fette Elke im Verein Rock gegen Rechts MV, stellte fest: „Der Soziokultur sollten weniger Steine in den Weg gelegt werden. Das Land muss für die Sicherheit von Veranstaltungen sorgen, wenn es Drohungen aus der rechten Szene gibt. Es darf nicht passieren, dass Veranstaltungen aus Angst abgesagt werden.“

Soziokultur stärkt Demokratie: kulturelle Grundversorgung erhalten

Vier Impulsvorträge widmeten sich den dringenden Zukunftsfragen. Ellen Ahbe, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Soziokultur, verwies auf das Demokratie stärkende Potenzial soziokultureller Zentren und Initiativen. Sie können Räume schaffen für Dialog und Begegnungen, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen gesichert sind. Zum Thema Grundversorgung berichtete Ernestine Feustel-Liess über die inspirierende Erfolgsgeschichte des Vereins Das lebendige Dorf aus Lüchow in Mecklenburg.

Franziska Mohaupt, Nachhaltigkeitsreferentin beim Bundesverband Soziokultur, lud zum Austausch über nachhaltige Ideen und Lösungen für eine betriebsökologische Ausrichtung ein. Anne-Marie Freitag, Geschäftsführerin der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Mecklenburg-Vorpommern, sprach zu Nachwuchsgewinnung und Generationenwechsel in gemeinnützigen Kultureinrichtungen.

Themen der Soziokultur: Demokratie stärken, Grundversorgung sichern, nachhaltig handeln und Nachwuchs gewinnen

Demokratie stärken, Grundversorgung sichern, nachhaltig handeln und Nachwuchs gewinnen: Am Nachmittag wurden diese Themen in Themenräumen vertieft. Deren Ergebnisse und die Zukunft der Soziokultur diskutierte Moderatorin Jana Sonnenberg in einem Abschlusspodium
mit Ellen Ahbe, Katerina Schumacher vom Ministerium für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten Mecklenburg-Vorpommern und Ronald Richardt vom Kornhaus Bad Doberan.

Fachtag schärfte Profil der Soziokultur in Mecklenburg-Vorpommern

Ellen Ahbe stellte heraus, dass die Fähigkeit der Soziokultur, Räume für ein demokratisches Miteinander zu etablieren und zu stärken, angesichts der Kommunalwahlen in diesem Jahr besondere Bedeutung erlangt und sich die Mitgliedseinrichtungen verstärkt dem Thema widmen wollen.

Katerina Schumacher resümierte, dass für sie der Fachtag das Profil der Soziokultur geschärft habe. Sie versprach eine schrittweise Anpassung des Fördersystems an die Bedarfe der Soziokultur, gern in Zusammenarbeit mit einer Fachstelle Soziokultur, die ab 2024 geschaffen werden soll. Ronald Richardt wünschte sich einen Ausbau der kulturellen Grundversorgung. Dazu seien längerfristige Förderperioden, die Verstetigung finanzieller Unterstützung und die rechtzeitige Auszahlung von öffentlichen Fördermitteln notwendig.

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Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 2024 Demokratie.

Alle zwei bis drei Jahre verleiht die LAKS Baden-Württemberg e.V. einen Kulturpreis für beispielgebende Projekte aus der Soziokultur. In diesem Jahr feiert der Preis Projekte, die Zivilgesellschaft durch Kultur stärken, die Demokratie befördern und konkrete Utopien praktisch umsetzen. Die Jury hat das TALK Projekt aus Reutlingen prämiert. Im Rahmen des Sommerempfangs mit Kolleg*innen aus soziokulturellen Zentren, Vertreterinnen aus Politik und Verwaltung wurden der Preis und das Preisgeld von 2 500 Euro feierlich vergeben.

Das Gewinnerprojekt empowert Jugendliche strukturell und inhaltlich

Im TALK Projekt des soziokulturellen Zentrum franz.K zeigt sich das Engagement für Demokratie in hohem Maße. Bei Gruppenentscheidungen sind Jugendliche selbst beteiligt, legen Regeln fest, lernen und erfahren Respekt im gegenseitigen Umgang. Das TALK Projekt ist ein inklusives Jugendkulturangebot mit den Schwerpunkten HipHop, Antidiskriminierung und Empowerment. Seit 2013 läuft es schuljahresbegleitend, kostenlos, mit wöchentlichen Rap- und HipHop-Tanz-Workshops für Jugendliche im Alter von 14 – 27 Jahren im Kulturzentrum franz.K Reutlingen und weiteren Workshops in Baden-Württemberg. Das Peer-Coaching-Konzept „each one teach one“ zeichnet die Arbeit aus. Das bedeutet, jede und jeder kann was und gibt dieses Wissen weiter. Am Abschluss steht eine große Show, bei der Teilnehmer*innen ihre Werke präsentieren, diese TALK-Show lief am 29. Juni 2024 im franz.K in Reutlingen im Echazhafen auf der Open-Air-Bühne mit großem Erfolg.

Anti-Rassismusprojekt TALK entstand aus Diskriminierungserfahrung

Erwähnenswert ist auch die Gründungsgeschichte von TALK, die KABU bei der Preisverleihung ansprach: Ein schwarzer Jugendlicher wurde von Türstehern verschiedener Clubs immer wieder abgewiesen, fand keine Unterstützung vor Ort in Reutlingen, gewann aber 2011, nachdem er schließlich aus Berlin Hilfe bekam, eine Klage nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Dadurch wurde klar, dass Jugendliche, die von Diskriminierung und Rassismus betroffen sind, in Reutlingen unterstützt werden müssen. Daraufhin entstand im Kulturzentrum franz K. die Idee für ein Kunstprojekt für Jugendliche: Das Projekt TALK wurde gegründet, gemeinsam mit dem adis e.V.. Der Verein ist Träger der professionellen Antidiskriminierungsarbeit in der Region Reutlingen / Tübingen und Fachstelle zum Thema Diskriminierung in Baden-Württemberg.

Vision einer gerechten Gesellschaft

Kernstück des Projekts ist der Aufbau einer Community zwischen Menschen, die sehr unterschiedlich sind und im gemeinsamen künstlerischen Erschaffen einen respektvollen und vertrauensvollen Umgang einüben und leben. Es geht um HipHop, um Diskriminierungserfahrungen, um Empowerment. Damit steht das Projekt dafür, wofür die Soziokultur steht: Die Vision einer Gesellschaft mit gleichen Rechten, der Möglichkeit, die eigenen Talente zu entdecken, zu entfalten und gleichberechtigt Zugang zu Kunst und Kultur zu finden. Denn darin steckt die Power, die Lebensfreude, manchmal auch der Schmerz und die Ungeduld, die Widerständigkeit, die uns alle antreiben, zu tun was wir lieben.

 Diversität als Praxis beim LAKS Kulturpreis

Die LAKS Baden-Württemberg versucht, davon nicht nur zu sprechen, sondern das auch praktisch umzusetzen. So wurde die Jury im Kreis der Mitglieder geöffnet und divers besetzt. Langjährige Erfahrung trifft auf frischen Wind aus verschiedenen Blickwinkeln: Migrationsgeschichte gehört dazu genauso wie LGBTQA+- Perspektiven.

Es gilt demokratiefeindlichen Bestrebungen entgegenzutreten, sich gegen Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung und für gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie eine offene Gesellschaft einzusetzen. Siegfried Dittler, Geschäftsführer der LAKS betonte die Notwendigkeit demokratischer Prozesse nicht nur in der Politik, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen. „Entscheidend für die Bedeutung der Soziokultur für die Demokratie ist die explizite Möglichkeit der Partizipation. Hier entstehen Möglichkeiten, kulturelle Prozesse eigenverantwortlich mitzugestalten, Verantwortung zu übernehmen, gemeinsam Ideen zu entwickeln und auf einer professionellen Plattform umzusetzen.“

Der Sozialwissenschaftler Davide Brocchi führte in seinem Impulsvortrag aus, dass die persönlichen Beziehungen an erster Stelle stehen, von ihnen hängt das Gelingen demokratischer Prozesse ab.  Die TALK-Rapperinnen Aquariana und Miss FemBé hatten zum Höhepunkt der Preisverleihung Texte im Gepäck, die davon erzählen.

In öffentlichen Räumen, auch draußen, wird ein Pop-up-Imbiss aufgebaut. An ihm versammeln sich Zufallsgäste und diskutieren über kontroverse Themen. Jede Veranstaltung steht unter einem Motto, die Teilnehmenden ziehen sich die Diskussionsfragen vor Ort als „Lose“. Die Einladung zum Teilen einer Mahlzeit mit einer unbekannten Person und die Aufgabe, eine Gemeinsamkeit in der Kontroverse zu finden, schaffen den Rahmen für eine konstruktive Debattenkultur.

„Hummustopia – Lecker streiten“ stellt Aushandlungsprozesse in einem demokratischen Gemeinwesen in den Mittelpunkt

Im Laufe der Veranstaltung, die eine Moderation und eine professionelle Konfliktberatung begleiten, suchen sich die Gesprächspartner*innen neue Gegenüber oder Themen aus. Den Abschluss bildet ein musikalischer Beitrag, der das Thema und Aspekte aus den Diskussionen aufgreift. Die Veranstaltungen sind temporär, doch im Gegensatz zur digitalen Kommunikation wirken hier die persönliche Begegnung und das besondere Setting intensivierend und lange nach.

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Text: Sonja Engler, Geschäftsführerin der Zinnschmelze Hamburg.

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 2024 Demokratie.

„Vielfalt ohne Wenn und Aber!“ könnte man als Leitmotiv der alltäglichen Arbeit in unserem soziokulturellen Zentrum, der KulturGießerei Saarburg, bezeichnen. Und in unserem Leitbild ist ausdrücklich verankert, dass uns alle Menschen herzlich willkommen sind, unter der Voraussetzung, dass sie unsere demokratischen Grundwerte akzeptieren. In unserem Haus kommen junge und alte, kleine und große Menschen aus aller Welt zusammen. Sie arbeiten hier, bummeln durch das Museum, besuchen unsere Kultur- und Bildungsveranstaltungen, die vielfältigen Angebote unserer sozialen Einrichtungen. Manche verweilen auch einfach, um anderen Menschen zu begegnen und sich durch die bunte Vielfalt zu bereichern oder sie aktiv mitzugestalten.

Kultur, Soziales und Diversität unter einem Dach

Unter dem Dach unseres Vereins, dem Lokalen Bündnis für Familie in der Verbandsgemeinde Saarburg-Kell e.V., arbeiten verschiedene Einrichtungen eng vernetzt miteinander. Die Koordinierungs- und Fachstellen für Integration oder die Partnerschaft für „Demokratie leben!“ sind hier ebenso verortet wie das Haus der Familie, die Kinder- und Jugendkunstschule oder kulturelle Veranstaltungsformate in der alten Gießhalle des Zentrums, um nur einige zu nennen.

Miteinander ohne Klassifizierungen

Vielfalt ist in unserer Einrichtung Normalität. Sie wird gelebt, ohne Wenn und Aber! Und ohne Klassifizierungen als „Menschen mit Migrationshintergrund“, „Menschen mit Behinderung“, „Menschen aus…“ oder „sozial benachteiligte Menschen“ finden völlig normale, niedrigschwellige und ungeplante Begegnungen statt wie beim „Vielfalt Mittagstisch“ in unserem integrativen Begegnungscafé Urban.

Total normal als Grundsatz

„Total normal“ heißt es in Bezug auf unsere jährliche Aktionswoche für Menschen mit und ohne Behinderung. Aber „Total normal“ könnte als grundsätzliche Definition für unsere Arbeit vor Ort gelten. Und gerade diese sehr bewusste Grund­haltung bietet in den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen konkrete Antworten und große Chancen. Auch wir wurden für unseren Einsatz für geflüchtete Menschen schon beschimpft, auch indem man unsere Zielgruppen gegeneinander ausspielt.

Die Vielfalt und das unkomplizierte Miteinander unserer Zielgruppen sind das Argument gegen Anfeindungen.

Die Vielfalt und das unkomplizierte Miteinander unserer Zielgruppen sind jedoch genau DAS Argument gegen solche Anfeindungen. In der Ferienbetreuung und der außerschulischen Betreuungs­arbeit, die unser Verein an allen zehn Grundschulen in unserer Verbandsgemeinde leistet, sind zum Beispiel sehr diverse Teams im Einsatz für Grundschulkinder. Ihre Hintergründe sind ebenso divers. Das ist gesellschaftliche Realität, die es zu bewältigen gilt! Und wir finden gemeinsam mit vielen Engagierten Antworten auf diese Herausforderungen.

Ehrenamtlicher Einsatz für gesellschaftliches Miteinander braucht Förderung!

Ohne entsprechende Förderprogramme können wir jedoch diese wichtige soziokulturelle Arbeit nicht leisten. An dieser Stelle muss auch gesagt werden, dass ohne den großen ehrenamtlichen Einsatz der Menschen vor Ort vieles ebenfalls nicht mehr möglich wäre. Und deshalb müssen die Förderprogramme so ausgerichtet sein und bleiben, dass sie die hauptamtliche Struktur in die Lage versetzen, die Arbeit vor Ort mit allen Ressourcen aus Haupt-, Neben- und Ehrenamt im Sinne eines guten gesellschaftlichen Miteinanders professionell organisieren zu können. Gelder, die hier gespart werden, würden aus unserer Sicht fatale Folgen mit sich bringen und etablierte, wichtige Strukturen für unsere Demokratie ins Wanken bringen.

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Text: Dr. Annette Barth, Geschäftsführerin des Vereins Lokales Bündnis für Familie in der Verbandsgemeinde Saarburg-Kell e.V.
Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 2024 Demokratie.

Seit 15 Jahren füllen Akteur*innen aus der Kulturarbeit, Denkmalpflege, Musik, Literatur, Politischen Bildung, Jugendhilfe, Sport und Gastronomie 1 700 Quadratmeter inmitten der Rostocker Innenstadt mit Leben. Im Peter Weiss Haus finden jährlich 500 bis 700 Veranstaltungen für unterschiedlichste Zielgruppen statt. Darunter Ausstellungen, Seminare, Theatervorführungen, Konzerte, Lesungen, Festivals und Vorträge.

Offene Türen und einfacher Zugang: Teilhabe für alle

Das Peter Weiss Haus will die zivilgesellschaftliche Teilhabe durch sein Angebot fördern und, insbesondere angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen, einen Teil zur Demokratiestärkung leisten. Feiern, Begegnung, Austausch, Bildung, Kultur, Kunst und Vernetzung kommen hier zusammen und machen es zu einem festen Bestandteil der städtischen Kulturszene. Für alle, die sich noch für keine der vielen Veranstaltungen entscheiden können und das Haus bei einer Limo oder einem Snack kennenlernen möchten, stehen die Türen des Kulturcafés „Marat“ offen und in den Sommermonaten der lauschige Freigarten.

Demokratie lebt vom Mitmachen. Hier können das alle

Auf der Webseite eröffnet das Peter Weiss Haus die Möglichkeit, sich gemeinsam mit den Akteur*innen ehrenamtlich zu engagieren. Ein schlichtes Kontaktformular unter dem Menüpunkt Mitmachen gilt es auszufüllen und schon kann man sein Interesse bekunden, wird kontaktiert und kann sich dann in die Arbeit des Hauses einbringen, ob für Ausstellungsprojekte wie “Grenzgang”, die hinterfragen, was Grenzen bedeuten, oder “Can you call the Cops”, die rassismuskritisch Situationen zwischen Staat und Zivilgesellschaft beleuchten.

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Text: Marie Kurz-Filipski.
Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 2024 Demokratie.

Bettina Rößger, Geschäftsführerin der LAG Soziokultur Thüringen, und Kirstin Zinke, Geschäftsführerin des Landesverbands Soziokultur Sachsen, sprechen darüber, wie Soziokultur die Demokratie stärken kann, vor welche Probleme sie gestellt ist, insbesondere in der aktuellen politischen Situation und was Mut macht.

Kirstin: Wir leben ja beide in fast biblisch schönen Landschaften.

Bettina: Das stimmt, wer als Außenstehender auf die Hügel, Wälder und lauschigen Winkel guckt, will vielleicht erst mal gar nicht glauben, wie viel Unzufriedenheit und Zorn es bei den Menschen und hinter den Fassaden gibt.

Demokratiefeindliche Haltung, offener Hass und Hetze sind salonfähig geworden.

Kirstin: In manchen Orten sieht man es schon deutlich. Um von meinem Wohnort in der Lausitz an meine Arbeitsstelle in Dresden zu kommen, fahre ich fast täglich durch genau so eine Bilderbuchlandschaft. Da wehen auf einigen Höfen Reichsbürgerflaggen. Es geht bei weitem nicht nur um eine Radikalisierung in Richtung der AfD. Wir haben, wie man eben sieht, hier auch viele Reichsbürger und die Freien Sachsen. Das wirklich Schlimme ist, dass rechtsextremes Gedankengut bis weit in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen ist. Eine demokratiefeindliche Haltung, offener Hass und Hetze sind salonfähig geworden.

Bettina: Das merken wir auch daran, wie schwierig für manche eine klare Positionierung geworden ist. Wer die Demokratie erhalten und stärken will, der muss sich zwangsläufig mit der AfD auseinandersetzen. Aber die steuert eben landesweit auf 35 Prozent zu. Das ändert mancherorts die kommunale Lage komplett. So wurde bereits in Sonneberg bundesweit der erste AfD-Landrat gewählt.

Kirstin: Sachsen hat nun auch in Pirna einen AfD-Bürgermeister. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass in der Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein zwischen 1940 und 1941 über 13 000 vorwiegend psychisch kranke und geistig behinderte Menschen ermordet wurden. Deutsche, welche in der „Volksgemeinschaft“ als „unwertes Leben“ galten. Die AfD postuliert heute, dass Integration behinderter Menschen ein „Ideologieprojekt“ sei und abgeschafft gehört. Im Saale-Orla-Kreis seid ihr Ende Januar gerade noch so an einem weiteren AfD-Landrat vorbeigekommen.

Bettina: Du sagst es: gerade so. Zum Glück gab es vor der Stichwahl das starke Engagement der Zivilgesellschaft, insbesondere durch das Demokratie-Bündnis “Dorfliebe für alle!”. Auch die Mobilisierung von Nichtwähler*innen ist gelungen. Leider haben sich auch die Anhänger*innen der AfD nun erst recht zusammengeschart und Stimmen hinzugewonnen. Alles in allem hat das zu einem Wahlergebnis geführt, mit dem nur noch wenige gerechnet haben. Ermutigend finde ich auch die vielen bundesweiten Proteste für Demokratie, zu denen seit Wochen fast eine Million Menschen auf die Straße gehen. Das ist doch ein starkes Zeichen für eine lebendige Demokratie und Zivilgesellschaft.

Politik, Zivilgesellschaft, Schulen – wir wussten alle Bescheid, haben das aber nicht genügend ernst genommen.

Kirstin: Das Problem ist nicht erst seit Kurzem da. Politik, Zivilgesellschaft, Schulen – wir wussten alle Bescheid, haben das aber nicht genügend ernst genommen. Viele dachten, das wächst sich aus.
In kleinteiligen Gesprächen sind die Leute ja freundlich und zugewandt. Man kennt sich. Der politische Elefant im Raum wird oft ausgeblendet: „Die haben eine bisschen andere Sicht auf die Dinge, sonst sind sie aber in Ordnung.“ Das ist falsch. Man kann nicht nicht darüber reden. Da wächst sich nichts so einfach aus.

Bettina: Nein, wird es sicher nicht. Besonders in den kleinen Orten der ländlichen Räume ist die Zustimmung zu den Positionen der AfD dramatisch hoch. Meine Heimatstadt im östlichsten Zipfel Thüringens ist so eine typische Kleinstadt – kaum Infrastruktur, überaltert und als Stadt so gut wie tot. Die AfD ist die einzige sichtbar vertretene Partei. Mitten im Zentrum unterhält sie ein Büro, lädt die Leute regelmäßig zum Kaffee trinken ein. Die gehen also rein, können sich so richtig über alles, sorry, auskotzen und ganz sicher sein, dass ihnen niemand widerspricht. Das nächstgelegene soziokulturelle Zentrum ist 20 km entfernt. Insgesamt fühlen sich AfD-Sympathisanten sowieso nicht durch Soziokultur angesprochen.

Kirstin: Das ist in Sachsen ähnlich. Es zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Unter den weit rechts Verorteten gibt es durchaus kulturaffine Personen, Intellektuelle, gesellschaftlich Engagierte. Oder auch kleine und mittelständische Unternehmer. Die legen dann bei Einstellungen „nationale“ Maßstäbe an, halten das aber keineswegs für faschistoid, sondern für wertkonservativ.

Wir unterstützen die Initiative „Weltoffenes Thüringen”, um ein starkes und sichtbares Zeichen für ein weltoffenes, vielfältiges und demokratisches Thüringen zu setzen.  Über 3000 Vereine und Personen haben sich seit Januar 2024 angeschlossen.

Bettina: Zum Glück sagen aber andere Unternehmen ganz deutlich: „Wir sind weltoffen!“ Und das nicht nur, weil sie international agieren und dringend Arbeits- und Fachkräfte brauchen.

Überhaupt. Nachdem wir über die Schwärze des Problems gesprochen haben, ist es doch ermutigend, dass es eine Vielfalt an zivilgesellschaftlichen Akteur*innen, Gruppen, Organisationen und Bündnissen gibt, die eine andere Sicht haben. Im Hinblick auf die Kommunal- und Landtagswahlen haben wir uns in unserer ersten Mitgliederrunde in diesem Jahr mit konkreten Unterstützungsangeboten, eigenen Aktionen und Forderungen befasst. Einig waren wir uns, uns neben eigenen Aktivitäten an thüringenweiten und regionalen Netzwerken zu beteiligen. Wir unterstützen deshalb die Initiative „Weltoffenes Thüringen”, um damit ein starkes und sichtbares Zeichen für ein weltoffenes, vielfältiges und demokratisches Thüringen zu setzen.  Über 3000 Vereine und Personen haben sich seit Januar bereits angeschlossen.

Kirstin: Bei uns gibt es das auch, als „Weltoffenes Sachsen“ natürlich. Wir sind, wie ganz viele fortschrittlich demokratisch Orientierte, bei allen offenkundigen Sorgen eher ausdauernd kämpferisch gestimmt. Es gibt eine Vielzahl von Aktionen und Bündnissen, die immer wieder Mut machen.

„Bautzen gemeinsam“: Statt sich gegenseitig anzufeinden, reden die Leute reden wieder miteinander. 2023 gab es erstmals einen Christopher Street Day dort. Ein Erfolg – gerade auf dem harten Bautzener Pflaster.

Bautzen ist zum Beispiel mit lautstarken, wütenden Pegida- und Corona-Demos überregional in die Schlagzeilen gelangt. Monatelang haben sich die Leute auf den Straßen angebrüllt. Jetzt gibt es das Bündnis „Bautzen gemeinsam“. Die Leute reden wieder miteinander, statt sich gegenseitig fertig zu machen. Das ist auch Ziel des Projekts „Kontrovers vor Ort“, das unser Landesverband gemeinsam mit der Landeszentrale für Politische Bildung durchführt. Und im letzten Jahr hat ein Zivi-Projekt unseres Zentrums Steinhaus Bautzen zum ersten Mal in der Stadt einen Christopher Street Day durchgesetzt. Er war ein Erfolg. Ausgerechnet auf dem harten Bautzener Pflaster.

In den Wahlen stehen die entscheidenden Rahmenbedingungen unserer unmittelbaren Arbeit auf dem Spiel!

Bettina: Wir sollten jetzt zwischen den Landesverbänden und im Bundesverband viel intensiver über die Dinge reden, die uns in der schwierigen Situation gut gelingen. Auch darüber, wie wir die Mitgliedseinrichtungen so gut wie möglich unterstützen können. Helfen können dabei Workshops, Austauschformate und Wissenstransfers zu Fragestellungen: Wie kann öffentliche Förderung in rechtsdominierten Umgebungen aufrechterhalten werden? Wie wappnen wir uns argumentativ für die Auseinandersetzung? Welche Netzwerke und Partnerschaften sind notwendig?

Zudem haben wir die Situation, dass wir AfD-Sympathisant*innen sehr schwer oder gar nicht erreichen und eine Weile für die Entwicklung einer geeigneten Debattenkultur mit entsprechenden Formaten brauchen. Die Zeit drängt. Die Landtagswahlen finden bundesweit ziemlich große Beachtung und vieles kann schon im Mai zu den Kommunalwahlen kippen. Damit stehen auch die entscheidenden Rahmenbedingungen unserer unmittelbaren Arbeit auf dem Spiel.

Kirstin: Ich denke auch, dass es uns Akteur*innen der Soziokultur jedenfalls kurzfristig nicht gelingen wird, Leute, die sich entschlossen haben, AfD zu wählen, zurück ins demokratische Spektrum zu holen. Gemeinsam mit Bündnispartner*innen haben wir uns darauf verständigt, uns verstärkt um die große Gruppe der Nichtwähler*innen zu bemühen. Eine Initiative spricht beispielsweise pendelnde oder studierende Sachsen und Sächsinnen an: Kommt nach Hause, geht zur Wahl!

Bettina: Ganz wichtig! Die Frage, welche Rolle Soziokultur in den schon stattfindenden und noch bevorstehenden Auseinandersetzungen realistisch spielen kann, müssen wir trotzdem beantworten.

Kampagne zur Landtagswahl: Wir leben Demokratie!

Kirstin: Deshalb haben wir in diesem Jahr darauf verzichtet, uns auf der sonst üblichen Fachtagung mit den Inhalten und Methoden unserer unmittelbaren Arbeit zu beschäftigen, sondern diskutiert, mit welcher Kampagne wir die Wahlkämpfe begleiten wollen. Dazu müssen wir wissen, was wir tatsächlich einbringen können und wollen. Zur vorigen Landtagswahl hieß unsere Kampagne „Kultur wählt Demokratie“. Dieses Mal wollen wir uns darauf konzentrieren, sächsische Soziokultur sichtbar zu machen. Das alles ist Soziokultur! Wir sind mit 62 Mitgliedseinrichtungen gut im Land verteilt, werden als lokale Kulturträger wahrgenommen und rege genutzt. Uns geht es darum zu zeigen: Soziokultur ist das Einende unserer vielgestaltigen Zentren. Wir stehen für kulturelle Vielfalt, für Teilhabe, für ein Miteinander – für das, was das Leben so lebenswert macht.

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Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 4/2023 Digitalität

Zehn Projekte aus ganz Deutschland erhalten Förderung im Programm „Allzeitorte. Gemeinsam mehr bewegen“. Bundesverband Soziokultur und Robert Bosch Stiftung unterstützen damit neue Formate der Demokratiearbeit an Alltags- oder Freizeitorten.

Eine wachsende Zahl an Menschen in Deutschland hat das Gefühl, dass Politik nichts mit ihrer Lebenswelt zu tun hat. Demokratische Prozesse erscheinen ihnen zunehmend als mühsam, ihr Vertrauen in Institutionen schwindet. Heute starten zehn ungewöhnliche Projekte, die den Wert von Demokratie und Gemeinschaft im alltäglichen Umfeld erfahrbar machen wollen. Sie sind Teil des Förderprogramms „Allzeitorte. Gemeinsam mehr bewegen“ von Robert Bosch Stiftung und Bundesverband Soziokultur.

Die ausgewählten Initiativen wollen Menschen dort erreichen, wo sie sich im Alltag und in ihrer Freizeit aufhalten. Dazu zählen beispielsweise ein Kleingartenverein, ein Friseursalon oder ein inklusiver Coworking-Space für Menschen mit Behinderungen. Im Rahmen des Förderprogramms haben die gemeinnützigen Organisationen in den vergangenen Monaten ihre Ideen ausgearbeitet und starten jetzt in die Umsetzungsphase.

„Diese Initiativen wollen Demokratie im Alltag erlebbar machen“, sagt Antje Scheidler, Leiterin des Teams Demokratie der Robert Bosch Stiftung. „Sie zeigen, wie man Verantwortung für die Gemeinschaft übernimmt und demokratische Werte im täglichen Miteinander verankert.“

Neben der finanziellen Unterstützung erhalten die ausgewählten Initiativen und Projekte Vernetzungs- und Weiterbildungsangebote und profitieren von einer fachlichen sowie wissenschaftlichen Begleitung.

Weitere Informationen unter: www.soziokultur.de/programme/allzeitorte/ sowie unter www.bosch-stiftung.de/de/projekt/allzeitorte
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Kontakt: Barbara Bichler | Barbara.Bichler@soziokultur.de | 0176 45 75 66 88

Das genossenschaftliche Projekt Bellevue di Monaco entstand aus einem Aktionsbündnis. Die Organisation der Münchner Massendemonstrationen gegen Pegida um den Jahreswechsel 2014/2015 entfaltete eine große Dynamik. Aus dieser Dynamik heraus schlossen sich Menschen in und um ein Wohn- und Kulturzentrum für Geflüchtete und Nichtgeflüchtete in der Innenstadt zusammen und entwickelten aus dem Sich-Zusammentun, dem Mobilisieren und Demonstrieren das Projekt Bellevue di Monaco.

Nachdem 2016 der Pachtvertrag für die Gebäude mit der Stadt München unterschrieben und 2018 die Sanierung abgeschlossen war, verlagerte sich der Fokus zunächst vom Aktivistentum darauf, den Regelbetrieb sicherzustellen. Wir wollten und wollen mit konkreter Arbeit überzeugen und pragmatisch, unaufgeregt und mitmenschlich ein wirkliches Ankommen der Geflüchteten bei uns ermöglichen. Beratungen, Sprachkurse und Unterstützung bei Ausbildung und Beruf wurden immer deutlicher Schwerpunkte.

Deutschland hat im internationalen Vergleich große Handlungsspielräume

Die Überzeugung, dass Helfen besser als Ausgrenzen ist, war lange Zeit über das gesamte demokratische Spektrum hinweg Konsens. Schließlich hat Deutschland nicht nur eine besondere Geschichte, sondern im globalen Vergleich auch große Handlungsspielräume. Die breite gesellschaftliche Unterstützung für Geflüchtete in den Jahren ab 2014 zeigte dies sehr deutlich.

Mittlerweile versucht die Politik allerdings, den Geflüchteten das Leben so schwer wie möglich zu machen. Dabei werden teure und uneffektive Mittel wie die „Bezahlkarte“ eingesetzt, die in ähnlicher Form ja wegen des immensen Aufwands und der letztlich verursachten Kosten für die Allgemeinheit schon einmal abgeschafft wurde. Lagerpflicht, Arbeitsverbot, eingeschränkte Gesundheitsversorgung und ständig drohende Abschiebungen sind Gängeleien, die Integration verhindern und massive soziale Probleme hervorrufen. Wie sehr das Geflüchtete belastet, wie kompliziert und fast unerreichbar dadurch die einfachsten Dinge werden, die für jeden anderen selbstverständlich sind, sehen wir im Bellevue täglich.

„Zammreißen – Bayern gegen Rechts“

Schon allein deswegen können wir es nicht bei der praktischen Hilfe belassen und arbeiten auch nach außen aufklärend. Mit Partnern wie dem Bayerischen Flüchtlingsrat, ProAsyl, der Seebrücke und etlichen anderen informieren wir über die Zustände in den bayerischen Flüchtlingslagern oder lassen Augenzeugen von den EU-Außengrenzen oder der Seenotrettung auf dem Mittelmeer berichten. Immer wieder versuchen wir, für diese Themen eine Öffentlichkeit herzustellen: Gegen die Arbeitsverbote für Geflüchtete protestierten wir vor dem Haus der Bayerischen Wirtschaft und gegen die Quarantänemaßnahmen in den Flüchtlingslagern vor dem bayerischen Innenministerium. Zuletzt gaben wir, ohne es zu ahnen, im Herbst 2023 auf dem Odeonsplatz mit „Zammreißen – Bayern gegen Rechts“ quasi den Auftakt zu den ganzen großen Demos der letzten Wochen und Monate.

Begegnung und Kennenlernen schaffen Vertrauen – nicht das übereinander, sondern das miteinander Reden!

Unsere Utopie ist, dass in Zukunft ein Großteil unserer Arbeit überflüssig wird. Dass die Politik anerkennt, dass wir längst ein Einwanderungsland sind und dass unsere Gesellschaft ohne Zuwanderung schlichtweg nicht mehr funktionieren würde. Dafür sind Gesetze, die komplementär zum Asylrecht eine sichere und menschenwürdige Migration ermöglichen, mehr als überfällig.
Damit dies eine breite Mehrheit mitträgt, müssen weiterhin Vorurteile und Ängste abgebaut werden. Nur durch Begegnung und gegenseitiges Kennenlernen können wirklich Verständnis, Respekt und Vertrauen entstehen. Im Bellevue geschieht dies jeden Tag.

Fotos: Kampagne mit Arbeitergeber*innen und Geflüchteten gegen Arbeits- und Ausbildungsverbote (li.), Bellevue di Monaco mit Dachsportplatz (o.) © Bellevue di Monaco | www. bellevuedimonaco.de

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Grisi Ganzer macht seit 2017 die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt Bellevue di Monaco.