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05.04.2023

#ENERGIE, Digitalisierung, Magazin SOZIOkultur, Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit durch Digitalisierung oder nachhaltige Digitalisierung?

Aktuelle Debatten und Lösungen der Zivilgesellschaft

Von: Carolin Viktorin

Digitale Lösungen können erheblich zu einer nachhaltigeren Lebensweise beitragen und die Kreislaufwirtschaft unterstützen. Videokonferenzen und Home-Office reduzieren die Mobilität und senken damit den CO2-Ausstoß. Online-Plattformen vereinfachen das Teilen, Tauschen, Mieten, Verschenken oder Reparieren von Dingen. Auch beim Engagement für die Umwelt spielen digitale Medien eine entscheidende Rolle. Gut die Hälfte der Menschen zwischen 16 und 24 Jahren engagiert sich laut der Gesellschaft für Informatik im Internet für den Klimaschutz, etwa durch die Beteiligung an kollektiven Aktionen in den sozialen Medien.

Lange nutzen und reparieren unabdingbar notwendig

Gleichzeitig benötigt die Herstellung von Endgeräten und der Betrieb von Rechenzentren große Mengen an Ressourcen und Energie. In den Jahren 2020, 2021 und 2022 wurden in Deutschland jährlich rund 20 Millionen neue Smartphones verkauft. Dabei haben 87 Prozent der Deutschen mindestens ein ungenutztes Smartphone zu Hause. Dadurch entsteht schwer zu recycelnder Elektroschrott. Jede Übertragung von Daten durch das Laden von Websites oder Streaming kostet Energie. Globale Online-Marketingstrategien nutzen stetig personenbezogene Daten, um das Konsumniveau zu steigern. Die digitalen Möglichkeiten, die auf der einen Seite den Alltag erleichtern und neue Formen des künstlerischen Ausdrucks ermöglichen, führen auf der anderen Seite zu einem erhöhten Energie- und Ressourcenbedarf.

Die längere Nutzung technischer Geräte ist unabdingbar, um kostbare Ressourcen zu schonen. Doch Smartphones werden oft so gebaut, dass sie nicht mehr repariert werden können. Die Kampagne „Right to Repair“ fordert von der EU, Hersteller von Smartphones zur Reparierbarkeit der Geräte und zur längeren Bereitstellung des Supports zu verpflichten. Doch nicht nur das Gerät an sich muss reparierbar sein. Zum Funktionieren braucht es Software, die langfristig mit Updates am Laufen gehalten wird. Die Free Software Foundation etwa fordert, dass jede Software auf jedem Gerät installiert werden kann. So bleibt die Nutzung von freier Software unabhängig vom Support kommerzieller Anbieter.

Vier zentrale Forderungen für eine sinnvolle Digitalisierung

Die Erkenntnis, dass Digitalisierung und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen müssen, setzt sich in Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik immer weiter durch. Seit 2018 tauschen sich in der „Bits & Bäume“-Bewegung NGOs aus den Bereichen Netzpolitik, Naturschutz und Entwicklungszusammenarbeit dazu aus, wie man Digitalisierung in den Dienst des ökologischen Wandels und der Gesellschaft stellen kann. Die Bewegung hat umfangreiche Forderungen an die Politik formuliert. So möchte sie die Digitalisierung gemeinwohlorientiert, sozial, ökologisch und mit einem besonderen Augenmerk auf Datenschutz gestalten.

In Zeiten der allgegenwärtigen Digitalität sollte Digitalisierung ein gesamtgesellschaftliches Thema sein. Rund 80 Organisationen haben seit 2021 vier zentrale Forderungen unterzeichnet: das Anstreben von digitaler Souveränität der Gesellschaft; die Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Digitalpolitik; dass von öffentlichen Geldern finanzierte Entwicklungen zum öffentlichen Gut werden sollten und dass eine ökologische und sozial nachhaltige digitale Infrastruktur aufgebaut werden muss.

Damit Digitalisierung die Lösung und nicht das Problem ist, braucht es rechtliche Rahmenbedingungen. Aber es braucht auch finanzielle Unterstützung bei der Kompetenzentwicklung und -weitergabe auf lokaler Ebene. Die Konzepte „Teilen statt Besitzen“, „Reparieren statt Wegwerfen“ und „Mitgestalten statt Zusehen“ sind Kernelemente der Debatte über Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Um sie auch im Bereich Digitalisierung und Kultur in die Tat umzusetzen, sie in die Fläche zu bringen und damit auf eine nachhaltigere digitale Gesellschaft hinzuwirken, ist die langfristige strukturelle Stärkung dort unabdingbar, wo sie seit langem praktiziert werden: in der Soziokultur.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 1/2023 Energie

Autor*innen

  Carolin Viktorin Referentin für Digitalisierung und Wissensmanagement carolin.viktorin@soziokultur.de

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