Nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern stehen soziokulturelle Einrichtungen vor der Frage, wie sich die Bedingungen für ihre Arbeit verändern werden. Darüber haben Ulrike Hanf, Geschäftsführerin des Landesverband Soziokultur MV, bei NDR Kultur und Laura Armborst, Leiterin des Kulturprogramms der STRAZE in Greifswald, bei Deutschlandfunk Kultur gesprochen.
Die Auseinandersetzungen haben längst begonnen
Schon vor der Wahl waren Nichtregierungsorganisationen und ihre politische Arbeit Gegenstand Kleiner Anfragen. Im Mittelpunkt standen dabei unter anderem das Neutralitätsgebot und die Frage, inwiefern sich Organisationen politisch äußern dürfen. Auch der Landesverband Soziokultur und viele seiner Mitglieder wurden darin benannt. Ulrike Hanf sieht darin ein Vorgehen gegen Projekte, die sich für Zusammenhalt und Vielfalt einsetzen.
Den Kulturbegriff im Wahlprogramm der AfD kritisiert sie als „sehr eng gefasst“: Er konzentriert sich aus ihrer Sicht vor allem auf Brauchtum, Heimat und Niederdeutsch. Vielfalt und Meinungsfreiheit sieht sie dagegen ausgeblendet oder ausdrücklich verneint. Mit einer starken AfD-Opposition befürchtet sie Blockaden bei kulturpolitischen Vorhaben. Dabei geht es um den Erhalt und Ausbau der kulturellen Grundversorgung sowie die Debatten um das Staatsziel Kultur und ein Kulturfördergesetz.
Wie konkret solche Konflikte werden können, zeigt die STRAZE in Greifswald. „Wir stehen seit Jahren als Haus auch schon im Fokus“, sagt Laura Armborst. Sie erinnert an eine Kampagne der AfD und weiterer rechter Bürgerinitiativen gegen die Einrichtung im Jahr 2024. Ende 2025 stellte ein AfD-Vertreter in der Greifswalder Bürgerschaft die ordnungsgemäße Verwendung von Fördermitteln durch die STRAZE und weitere Einrichtungen infrage. Armborst betont zugleich, dass sich Vertreter*innen verschiedener demokratischer Parteien für die weitere Förderung eingesetzt haben.
„Wir wollen weitermachen“
„Wir wollen weitermachen“, sagt Ulrike Hanf im Interview mit NDR Kultur. Für die soziokulturellen Einrichtungen bedeutet das vor allem, den Kontakt zu den Menschen vor Ort weiter zu suchen und Räume offen zu halten, in denen Begegnung möglich ist. Gerade in den ländlichen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns kommt solchen Orten eine besondere Bedeutung zu.
Sie sollen Menschen miteinander ins Gespräch bringen, auch dort, wo Positionen auseinanderliegen. Unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten und gemeinsam zu verhandeln, gehört für Hanf ebenso dazu wie die Aufgabe, Schutzräume für Minderheiten und Menschen zu bieten, die womöglich angegriffen werden. Beides zusammenzubringen, beschreibt sie als einen zentralen Spagat für die Soziokultur und die freie Kulturszene.
Wie gut solche Orte angenommen werden, hängt aus ihrer Sicht auch davon ab, ob Menschen selbst mitgestalten können. Wo Beteiligung möglich ist, wächst die Identifikation mit dem, was vor Ort entsteht. Kultur wird dann nicht als etwas von außen Gesetztes erlebt, sondern als etwas Eigenes – „von uns und für uns“.
Gerade dort, wo diese Arbeit besonders wichtig ist, sind die Strukturen jedoch oft fragil. Rund die Hälfte der Mitglieder des Landesverbandes kommt aus ländlichen Regionen, viele Angebote werden ehrenamtlich getragen. Gleichzeitig fehlen teilweise schon die Mittel, um den laufenden Geschäftsbetrieb zu sichern. Die Frage, wie diese Orte erhalten und weiterentwickelt werden können, ist deshalb nicht nur eine politische, sondern ganz unmittelbar auch eine finanzielle.
Ein Wahlabend in der STRAZE
Was ein solcher Treffpunkt in einer angespannten Situation bedeuten kann, zeigte sich am Wahlabend in Greifswald. Die örtlichen Aktiven des landesweiten Bündnisses „Zusammen bewegen“ hatten in die STRAZE eingeladen. Menschen, die von den politischen Entwicklungen besonders betroffen sein können, sollten den Abend nicht allein verbringen müssen.
Familien, Engagierte verschiedener Generationen und Aktive aus dem Bündnis kamen zusammen, aßen miteinander und verfolgten die Ergebnisse. Als um 18 Uhr die ersten Zahlen im Livestream erschienen, wurde es „mucksmäuschenstill im Raum“.
Perspektiven
Armborst rechnet mit weiteren Auseinandersetzungen um die Finanzierung. Sie verweist auf die angespannte Finanzlage der Kommunen und erneute Haushaltsverhandlungen. Vorschläge, bei Kulturorten und Jugendzentren zu sparen, kommen dabei immer wieder zur Sprache. Auch auf Landesebene erwartet sie weitere Anfragen und Debatten über die Förderung solcher Einrichtungen.
Angesichts knapper öffentlicher Haushalte will Armborst gegenüber Vertreter*innen demokratischer Parteien deutlicher machen, welche Wirkung Soziokultur hat. Für Hanf steht fest, dass die Möglichkeiten zum Mitmachen und Mitbestimmen erhalten und weiterentwickelt werden müssen.
Die vollständigen Gespräche mit Ulrike Hanf bei NDR Kultur und Laura Armborst bei Deutschlandfunk Kultur sind online nachzuhören.


