Vier von fünf Menschen in Deutschland sehen Kultur als demokratiestärkend – das zeigt der aktuelle Relevanzmonitor Kultur. Die Studie liefert wichtige Argumente für die kulturpolitische Debatte und benennt Handlungsbedarfe deutlich.
Die Liz Mohn Stiftung hat im Frühjahr 2025 zum zweiten Mal den Relevanzmonitor Kultur veröffentlicht. Die bundesweite, repräsentative Bevölkerungsbefragung – durchgeführt von forsa – fragt nach dem Stellenwert kultureller Angebote im Alltag der Menschen. Das Ergebnis ist eindeutig: Kultur ist für viele nicht nur Freizeitbeschäftigung, sondern ein elementarer Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.
Demokratiestärkend, gemeinschaftsstiftend, sinnstiftend
Rund 90 Prozent der Befragten sehen in kulturellen Angeboten eine Quelle für Gemeinschaftserlebnisse, Orientierung und Trost in schwierigen Zeiten. Ebenso viele sind der Meinung, dass Kultur zu kritischem Denken anregt und Verständnis fördert. Besonders bemerkenswert: 81 Prozent halten Kulturangebote für förderlich für die Demokratie.
Diese Einschätzungen sind generationenübergreifend stabil – auch junge Menschen unter 30 sehen Kultur mehrheitlich als gesellschaftliche Stütze. Der Relevanzmonitor zeigt zudem: Kultur wird nicht als „nice to have“ empfunden, sondern steht für viele gleichrangig neben anderen öffentlich finanzierten Bereichen wie Bildung oder Gesundheit.
Was Kulturangebote leisten sollten
Ein Schwerpunkt der Studie liegt auf den Erwartungen an Theaterhäuser. Neben einem barrierearmen Zugang (Preisgestaltung, leichte Erreichbarkeit) wünschen sich viele Befragte Angebote, die emotional ansprechen, verständlich sind und auch Raum für neue Formate und Mitgestaltung bieten. Vor allem jüngere Menschen legen Wert auf Experimentierfreude, niedrigschwellige Settings – und Beteiligung.
Ländliche Regionen im Fokus
Die Zufriedenheit mit dem Kulturangebot ist stark ortsabhängig. Während in Großstädten fast 90 Prozent das Angebot positiv bewerten, sind es in Gemeinden unter 5.000 Einwohner:innen weniger als 55 Prozent. Entsprechend groß ist die Zustimmung zu Maßnahmen, die kulturelle Teilhabe im ländlichen Raum fördern: 84 Prozent halten solche Förderungen für sinnvoll, ähnlich viele sprechen sich für eine bessere kulturelle Bildung und den erleichterten Zugang zu Kultur für Menschen mit geringem Einkommen aus.
Ein Signal an die Politik
Der Relevanzmonitor Kultur 2025 ist nicht nur ein wertvolles Stimmungsbild. Er liefert auch fundierte Argumente in Zeiten knapper Haushalte: Kultur ist kein Luxus, sondern gesellschaftliche Infrastruktur. Die Ergebnisse richten sich damit auch explizit an politische Entscheidungsträger:innen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.
Am 9. April 2025 haben CDU/CSU und SPD ihren Koalitionsvertrag vorgestellt. Im Kapitel „Kultur und Medien“ finden sich zahlreiche Aussagen, die für die kulturelle Infrastruktur, für kulturelle Teilhabe und für die Rahmenbedingungen kultureller Arbeit von Bedeutung sind. Im Folgenden haben wir zentrale Passagen mit Relevanz für die Soziokultur zusammengefasst.
Kulturelle Vielfalt und Teilhabe
Die Koalitionsparteien bezeichnen Deutschland als Kulturstaat und betonen den gesellschaftlichen Wert von Kunst und Kultur. Kulturpolitik wird als gesellschaftsrelevant beschrieben, kulturelle Vielfalt soll gepflegt und weiterentwickelt werden.
Die Förderung von Kunst und Kultur sei eine öffentliche Aufgabe, die Bund, Länder und Kommunen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gemeinsam wahrnehmen müssten. Eine lebendige kulturelle Infrastruktur wird als Teil der Daseinsvorsorge verstanden.
“Museen, Theater, Kinos, Bibliotheken, soziokulturelle Zentren oder Galerien gehören auch in den ländlichen Raum. Sie sind Voraussetzung für gleichwertige Lebensverhältnisse. Wir wollen kulturelle Teilhabe aller Menschen gewährleisten.”
Freie Szene, Breitenkultur und Kulturförderung
Die Koalition bezeichnet sich als verlässlicher Partner für Kultureinrichtungen, die Freie Szene und die Breitenkultur. Bestehende Programme wie „Kultur macht stark“, „Aller.Land“ und „Kultur in ländlichen Räumen“ sollen fortgeführt werden. Die Finanzierung der Kulturstiftung des Bundes und der Bundeskulturfonds wird stabilisiert. Darüber hinaus ist eine systematische Förderung der Freien Künste vorgesehen, einschließlich der Berücksichtigung von Mindestgagen und Honoraruntergrenzen in der Bundesförderung.
Auch die soziale Absicherung von Künstlerinnen, Künstlern und Kreativen soll gestärkt werden – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Leistungen der Künstlersozialkasse.
Das ehrenamtliche Engagement in Bereichen wie Brauchtum, Amateurkultur und -musik soll gezielt gestärkt werden. Das Zuwendungsrecht soll entbürokratisiert, Bauvorhaben vereinfacht werden.
“Das Kulturkapitel im Koalitionsvertrag ist eine sehr solide Grundlage für die Bundeskulturpolitik der nächsten vier Jahre.” Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates
Digitalisierung, Nachhaltigkeit und KI
Die Digitalisierung des kulturellen Erbes und die digitale Transformation kultureller Arbeit sollen zukunftssicher gefördert werden. Auch im Kulturbereich wird nachhaltiges Arbeiten als Ziel formuliert. Beratungsangebote wie die Green Culture Anlaufstelle sollen auf ihre Wirksamkeit überprüft und bei Bedarf weiterentwickelt werden.
Gemeinsam mit den Ländern soll eine Strategie „Kultur & KI“ entwickelt werden.
Kulturelle Bildung und Vermittlung
Kulturelle Bildungs- und Vermittlungsangebote an Kultureinrichtungen sollen weiter ausgebaut werden. Die Koalition spricht sich für eine mögliche Sonntagsöffnung von Bibliotheken aus und will die Fortführung des KulturPasses prüfen.
Der CO₂-Kulturrechner wurde aktualisiert und steht nun als Version 2025 zur Bilanzierung des Jahres 2024 bereit. Kultureinrichtungen können damit ihre Treibhausgasemissionen erfassen und vergleichen.
Neue Funktionen im CO₂-Kulturrechner 2025:
- Zeitreihentool: Erlaubt den Vergleich von Bilanzergebnissen über zehn Jahre hinweg – ideal, um Entwicklungen im eigenen Haus zu beobachten.
- DistanzChecker: Vereinfacht die Berechnung von Mobilitäts-Emissionen, indem Distanzen basierend auf dem gewählten Verkehrsmittel (Kfz, Bahn, Flugzeug) ermittelt werden.
- Zertifikat: Nach abgeschlossener Bilanzierung wird automatisch ein Zertifikat erstellt, das die Einrichtung bei der internen und externen Kommunikation im Bereich Klimaschutz unterstützt.
Warum bilanzieren?
Die CO₂-Bilanz ist mehr als eine bloße Bestandsaufnahme – sie ist der Schlüssel zu gezielten Klimaschutzmaßnahmen. Die Bilanz zeigt auf, welche Bereiche die größten Emissionen verursachen und wo die größten Einsparpotenziale liegen. Der Bundesverband Soziokultur hat 2023 das Programm ÖMI gestartet, das ökologische Mindeststandards für soziokulturelle Einrichtungen entwickelt. Der CO₂-Kulturrechner bildet hierfür eine wichtige Grundlage.
Wie der CO₂-Kulturrechner sinnvoll genutzt werden kann und warum die Bilanzierung auch für die Soziokultur wichtig ist, lesen Sie ausführlich im weiterführenden Beitrag.
Webinare und Fragestunden
Um den Einstieg zu erleichtern, werden wieder kostenfreie Webinare und Fragestunden angeboten:
Webinare zur Einführung (jeweils 60 Minuten):
- Mittwoch, 26. Februar, 9.00 Uhr Jetzt anmelden
- Dienstag, 8. April, 15.00 Uhr Jetzt anmelden
- Donnerstag, 5. Juni, 11.00 Uhr Jetzt anmelden
Fragestunden zur Erstellung einer Treibhausgasbilanz (jeweils 45 Minuten):
- Dienstag, 11. März, 14.15 Uhr Jetzt anmelden
- Donnerstag, 15. Mai, 11.00 Uhr Jetzt anmelden
- Mittwoch, 9. Juli, 10.00 Uhr Jetzt anmelden
Fragen können direkt bei der Anmeldung oder bis zum Vortag der Veranstaltung per E-Mail an s.goldbach@klimaktiv.de gesendet werden.
Weitere Informationen und den Download des CO₂-Kulturrechners finden Sie auf der Website des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.
Die Europäische Kommission hat einen Bericht darüber veröffentlicht, wie die Beteiligung der Bürger*innen an kulturellen Aktivitäten bürgerschaftliches Engagement, Demokratie und sozialen Zusammenhalt stärkt.
Im Vorfeld der Europawahlen 2024 zeigt die internationale Forschung, dass Bürger*innen, die regelmäßig an kulturellen Aktivitäten teilnehmen, eher zur Wahl gehen, sich ehrenamtlich engagieren und an gemeinschaftlichen Aktivitäten, Projekten und Organisationen teilnehmen. Der Bericht ist das Ergebnis einer Studie, die im EU-Arbeitsplan für Kultur 2019-2022 angekündigt wurde. Er veranschaulicht, auf welch vielfältige Weise die Teilnahme der Bürger*innen an kulturellen Aktivitäten und den sie unterstützenden sozialen Umfeldern dazu beiträgt, dass sich Einzelpersonen und Gemeinschaften am staatsbürgerlichen und demokratischen Leben beteiligen. Er untersucht internationale Erkenntnisse zu diesem Thema, stellt die wichtigsten politischen Lehren zusammen und hebt Beispiele für erfolgreiche Maßnahmen in den EU-Mitgliedstaaten und darüber hinaus hervor.
Kulturelle Teilhabe stärken
Der Bericht empfiehlt, dass das Ziel der Ausweitung der kulturellen Teilhabe der Bürger*innen an den eigenen Maßnahmen der Europäischen Kommission für die Kultur gestärkt und im bestehenden Programm Kreatives Europa sichtbarer gemacht werden könnte. Die kulturelle Teilhabe könnte auch durch bestehende Maßnahmen der EU zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements, zum Beispiel das Programm Bürger, Gleichheit, Rechte und Werte, weiter unterstützt werden. Der Bericht betont auch den Bedarf an mehr Auseinandersetzung mit diesem Thema, wie im EU-Arbeitsplan für Kultur 2023-2026 vorgesehen, der eine Aktion zur Förderung der Demokratie beinhaltet.
Immense Kraft der Kultur nutzbar machen
Margaritis Schinas, Vizepräsident der Europäischen Kommission, sagte dazu: „Die Kultur ist das Herzstück unserer demokratischen Gesellschaften. Die Gesellschaft, in der wir leben, wird durch die Teilnahme an ihr geprägt. Wir müssen diese immense Kraft der Kultur für die demokratische Gesundheit unserer Gesellschaften nutzbar machen. Dieser Bericht kommt zu einem sehr guten Zeitpunkt und wird zu unseren Bemühungen beitragen, die Demokratie zu vertiefen und eine integrative und engagierte Gesellschaft zu fördern, indem wir unsere kulturellen Sektoren unterstützen.“
Empfehlungen
Der Bericht, der auch Leitlinien für Maßnahmen auf nationaler und lokaler Ebene enthält, zeigt auf, dass die Dichte des lokalen Kulturangebots und der Umfang der verfügbaren öffentlichen Mittel in einem positiven Zusammenhang mit bürgerschaftlichen und demokratischen Verhaltensmustern stehen. Der Bericht schließt mit den wichtigsten politischen Lehren und einer Reihe von 14 konkreten Empfehlungen für politische Entscheidungsträger*innen.
Am 26. September 2021 wird der 20. Deutsche Bundestag gewählt.
Der Bundesverband Soziokultur dankt den Parteien für die Zusammenarbeit in der vergangenen Legislaturperiode, vor allem für die sehr hilfreiche Unterstützung im gemeinsamen Ringen gegen die Folgen der Pandemie. Wir wollten von den kulturpolitischen Sprecher*innen der demokratischen Fraktionen wissen, wie ihre Zwischenbilanz ausfällt und fragten:
1. Was halten Sie im Blick auf Soziokultur für Ihren größten Erfolg während der vergangenen vier Jahre?
2. Welches ist in der kommenden Wahlperiode das wichtigste Ziel, das Sie für weitere Fortschritte in der Soziokultur erreichen wollen?
Geantwortet haben ELISABETH MOTSCHMANN, Medienpolitische Sprecherin der CDU-Bundestagsfraktion | MARTIN RABANUS, Sprecher für Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion | SIMONE BARRIENTOS, Kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion DIE LINKE | ERHARD GRUNDL, Sprecher für Kulturpolitik der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Obmann im Kulturausschuss
Nachlesen hier und in der aktuellen Ausgabe der SOZIOkultur zum Thema KOMMUNE.
Am kommenden Sonntag, den 6. Juni 2021, finden in Sachsen-Anhalt Landtagswahlen statt. Wie sind die Positionen der Parteien zur Soziokultur? Wir haben nachgefragt: Welche Rolle spielt Soziokultur in Ihren politischen Planungen für die nächste Legislaturperiode?
Hier, in der aktuellen SOZIOkultur zum Thema “LAND” findet ihr die Antworten der kulturpolitischen Sprecher*innen:
- ANDREAS SCHUMANN, MdL (CDU)
- WOLFGANG ALDAG, MdL (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
- STEFAN GEBHARDT, MdL (DIE LINKE)
- PROF. DR. ANGELA KOLB-JANSSEN, MdL (SPD)
- DR. LYDIA HÜSKENS, MdL (FDP)
In einem Streifzug durch die Republik zu exemplarischen Orten wird klar: Soziokulturelle Aktivitäten finden vielerorts in Gebäuden statt, die nicht als kulturelle Bauten geplant wurden. Wir haben uns umgesehen und stellen exemplarische Häuser vor.
THÜRINGEN: Kunstpavillon Eisenach
Der Verein Zentrum für Gegenwartskunst fördert zeitgenössische Kunst und Kultur, Bildung sowie Denkmalschutz und -pflege durch die Erhaltung des ehemaligen Ausstellungspavillons des Automobilwerkes Eisenach und dessen sinnvolle und regelmäßige Nutzung. Nach der Rettung vor dem Abriss und der Gebäudesicherung treibt der Verein derzeit eine denkmalgerechte Sanierung des inzwischen als Kulturdenkmal eingetragenen und seit 2018 als national bedeutend eingestuften Gebäudes voran. Sein Baustil wird in der Nachfolge der Bauhaus-Architektur mit Bezügen zu Bauten von Mies van der Rohe bewertet.
Seit 2007 werden regelmäßig Angebote der Kunst, der Soziokultur und der Bildung geschaffen, die bis dato in dieser Form in Eisenach nicht zu finden waren – von Kunstausstellungen und -auktionen und Nächten der Kunst über Workshops mit Schüler*innen, die offene „Bühne FREI“ und Poetry Slams bis zu Live-Konzerten, Lesungen und Film-, Theater- und Kabarettaufführungen. Als Zentrum der Begegnung und als Raum zur freien Meinungsbildung lädt der KUNSTPavillon zum Verweilen, Genießen und Feiern ein.
Text: Peter Schäfer
www.kunstpavillon.info – Kunstpavillon auf Facebook
Der Artikel erschien in der Zeitschrift SOZIOkultur zur Thema HÄUSER. Hier die Ausgabe zum Download.

