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09.07.2025

Allzeitorte

Allen eine Stimme geben

Wie kann ein Denkmal zum Gemeinschaftsort eines Dorfes werden?

Inmitten des 400-Seelen-Ortes Kapellendorf in Thüringen erhebt sich die Wasserburg – eine der ältesten Wehranlagen der Region. Für viele Außenstehende ist sie ein Denkmal, für viele im Ort dagegen ein Symbol der Entfremdung. Denn vielen fehlt der Zugang zu ihr – buchstäblich wie im übertragenen Sinn.

Ein Projekt möchte das seit geraumer Zeit ändern und lädt dazu ein, an einem partizipativen Hörstück mitzuwirken: Eine dokumentarische Audioproduktion soll die Stimmen aus dem Dorf versammeln und Verantwortliche rund um die Burg zu Wort kommen lassen.

Bei den Aufzeichnungen begegnen sich Menschen, die sich sonst aus dem Weg gehen, bei den Gesprächsrunden werden Erinnerungen, Unmut und Vorschläge ausgetauscht. Das Projekt bringt Bewegung ins Dorf. „Wie sollte die Burg genutzt werden? Was siehst du, wenn du die Burg siehst?” Über Fragen, die Selbstreflektion anregen und bewusst machen, wie viele unterschiedliche Ideen vorhanden sind, sollen demokratische Prozesse erlebbar gemacht und Entscheidungsfindungen transparenter werden.

 Vielstimmiges Nebeneinander statt Einklang

Hinter dem Projekt steht ein Dreierteam:  Der Förderverein Wasserburg Kapellendorf e.V., die mobile Kultur-Bibliothek „Mothek" und der politische Bildner Robert Dobe gestalten gemeinsam den Prozess im Rahmen des bundesweiten Programms „Allzeitorte" der Robert Bosch Stiftung und des Bundesverbands Soziokultur. Zehn Vorhaben in Deutschland wurden ausgewählt, einen Alltags- oder Freizeitort mittels Soziokultur und politischer Bildung in einen Ort des Dialogs und des gemeinsamen Handelns zu transformieren. „Viele Stimmen, lauter Steine“ ist eines davon.

Komplexe Gemengelage – alle dürfen mitreden

Die Ausgangslage ist kompliziert. Eigentümerin der Burg ist die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Sie versteht sich als Bewahrerin historischen Erbes und als Ermöglicherin – schließlich sorgt sie dafür, dass die Burg zugänglich bleibt. Doch viele Menschen im Dorf empfinden den Umgang mit der Stiftung als frustrierend: Veranstaltungen auf der Burg sind schwer genehmigungsfähig, kreative Nutzungen kaum möglich. Die Rolle der Stiftung wird von vielen als bürokratisch, distanziert, unnahbar beschrieben.

Gleichzeitig gibt es innerhalb des Dorfs Spannungen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen. „Wir haben eine sehr hohe Künstler:innendichte im Dorf", erzählt Roy Fischer, stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins. „wahnsinnig viele Töpfer:innen und gestaltende Künstler:innen."

Die Geschichte der Burg ist eng verknüpft mit ehrenamtlichem Engagement vieler Zugezogener – vor allem von Menschen, die nach der Wende ins Dorf kamen und das Gebäude vor dem Verfall retteten.

„Das war das erste Mal, dass dieses ehrenamtliche Engagement von Zugezogenen eine Burg gerettet hat – für Einheimische, die damit gar nicht so richtig was anfangen konnten", erinnert sich Fischer.

Der Einsatz wurde nicht von allen als gemeinschaftlich erlebt. Misstrauen blieb.

Zuhören als Methode

Das Hörprojekt setzt an dieser Stelle an. Es geht nicht darum, Konflikte zu überdecken – sondern sie zu thematisieren. Das Projektteam geht bewusst niedrigschwellig vor: Bei Dorffesten, mit Vereinen wie dem Gesangsverein, mit Persönlichkeiten aus dem Dorf und der Stiftung führen sie Gespräche, hören zu. Zunächst ist jede:r für sich eingeladen zu reflektieren, was das eigene Interesse an der Burg ist.

In Einzelinterviews, Werkstätten und Gesprächsformaten wurden Stimmen gesammelt: von Vereinsmitgliedern, von Kritiker:innen der Stiftung, von Menschen, die bislang kaum sichtbar waren. Einzelne Bürger:innen sprechen Texte ein, andere kommentieren, reagieren, erzählen, ein Chor probt für die Klangwerkstatt. Auch die Stiftung kommt zu Wort. Das Projekt schafft eine Bühne, auf der alle etwas sagen können – und gehört werden.

Die Aufnahme ermöglicht, was im Ringen um die Deutungshoheit öffentlicher Nutzung sonst oft fehlt: Sie lässt alle Stimmen gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Jedes Gesagte bleibt erhalten. Und ist ein Teil des Ganzen.

„Und dann kommen Alte, setzen sich hin, und Neue. Leute, die hier aufgewachsen sind und welche, die neu hier sind. Und plötzlich stellt man fest, dass der kleinste gemeinsame Nenner ist: Man kann sich hier für diese Wasserburg einbringen", beschreibt Roy Fischer diese ungewöhnlichen Begegnungen.

Auch strukturelle Fragen finden Raum. Wer entscheidet, wie ein kulturelles Erbe genutzt wird? Welche Vorstellungen von Kultur stehen sich gegenüber? Und wie gelingt Teilhabe jenseits etablierter Strukturen? Der partizipative Prozess erlaubt keine schnellen Antworten – aber er eröffnet neue, gemeinsame Fragen.

Wachsendes Interesse, sich einzubringen

Mit der Zeit hat sich das Bild im Dorf verändert. Während das Projekt zunächst kritisch beäugt wurde, ist inzwischen ein wachsendes Interesse spürbar. Bei einer Mitgliederversammlung des Fördervereins war die Entwicklung deutlich: Menschen, die das Vorhaben zu Beginn skeptisch betrachtet hatten, meldeten sich nun zu Wort – und wollten sich beteiligen.

Doch nicht alle Sorgen sind verschwunden. „Ja, wir leben noch länger hier – und ihr seid dann vielleicht wieder weg mit eurem Projekt", gibt eine Teilnehmerin zu bedenken. Diese Bedenken nimmt das Team ernst. Es geht nicht um einmalige Erlebnisse, sondern um langfristige Veränderungen, die von den Menschen selbst getragen werden.

Das Hörstück reist in andere Dörfer

Die fertige Produktion wird mit der fahrenden „Mothek" an andere Orte reisen.

„Viele Herausforderungen sind auch übergreifend total relevant", sagt Robert Dobe. „Wir hoffen darauf, dass es uns gelingt, eine Hörproduktion am Ende zu haben, die auch in anderen Regionen oder Städten mit Gewinn gehört werden kann."

Doch das Entscheidende passiert in Kapellendorf selbst: Der gemeinsame Blick auf einen Ort, der lange als verschlossen galt. Die Erfahrung, dass Zuhören politisch sein kann. Und die Erkenntnis, dass gesellschaftlicher Wandel dort beginnt, wo Menschen einander nicht nur begegnen – sondern die Meinung des anderen wirklich hören und sie als gleichwertig neben der eigenen gelten lassen können.

In dieser Vielstimmigkeit können alle ihre eigene Position im Zusammenklang mit anderen hören. Es braucht Toleranz für Widersprüche, Verständnis, Offenheit – und manchmal auch die Bereitschaft zum Verzicht, um tatsächlich gemeinsame Wege zu finden. So wird die alte Wasserburg, einst Schutzwall gegen Fremde, hoffentlich mit offenen Toren ein Schutzraum demokratischer Aushandlung.

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