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02.07.2025

Allzeitorte

Ein Friseursalon als Ausgangspunkt demokratischer Begegnung  

Wie aus kleinen Gesten und Komplimenten gesellschaftlicher Wandel entstehen kann

Im beschaulichen Netphen-Deuz im ländlichen Nordrhein-Westfalen, wird ein Friseursalon zur Bühne demokratischer Kultur. Das Projekt „Herz zu Herz“ ist Teil des bundesweiten Programms „Allzeitorte“, gefördert von der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit dem Bundesverband Soziokultur. Das Ziel: Orte des Alltags in Räume für gesellschaftlichen Dialog und gemeinsames Handeln zu transformieren.

In Netphen wird dieses Projekt umgesetzt von dem lokalen Kulturzentrum Qulturwerkstatt e.V., dem Institut für Widerstand im Postfordismus und dem Friseursalon Hair by Grazia - sie bilden gemeinsam das Tridem aus Soziokultur, politischer Bildung und dem Alltagsort.

Herzliche Botschaften verändern das Dorf

Wenn es nur wenige Friseurläden gibt, sind sie Anlaufstelle für viele unterschiedliche Menschen und Meinungen. Im Friseurstuhl werden allerlei Ansichten geäußert. Die Reaktion des Projektteams darauf ist kein erhobener Zeigefinger. „Wir wollen nicht belehren, sondern verstehen – und dadurch Vertrauen aufbauen“, sagt politische Bildnerin Elisa Müller. Auf dieser Grundlage hat das Team von „Herz zu Herz“ niedrigschwellige Formate entwickelt: 500 handgeschriebene Komplimente auf liebevoll gestalteten Postkarten, verteilt im ganzen Ort. Auf Parkbänke, in Läden, unter Scheibenwischern werden sie ausgelegt. „Schön, dass du hier bist.“ „Danke, dass du heute gelächelt hast.“

„So etwas verändert die Atmosphäre im Dorf“, sagt Eva-Nadine Wunderlich von der Qulturwerkstatt.

Schaufenster-Plakate mit der Botschaft „Herz zu Herz – Mach mit!“ oder „Was sagt dein Herz?” bilden einen freundlichen Gegenpol zu den Wahlplakaten am Straßenrand mit weniger einladenden Botschaften. Luftballons mit Herzmotiven schmücken den Ort, ein Briefkasten sammelt Wünsche und Ideen für den Zusammenhalt.

Neue Treffpunkte schaffen

Ein zentrales Ergebnis der Salon-Gespräche und Umfragen im Dorf: der Wunsch nach mehr Begegnung. Viele erzählten von einstigen Treffpunkten, die seit der Pandemie verschwunden seien – etwa einem Plaudertreff oder einem Bastelladen, in dem alle zusammenkamen. Die Projektgruppe griff das auf und gründete das monatliche „Qafé Herzlich“: ein offener Treffpunkt mit Kuchen, Gesprächen und Ideenentwicklung im soziokulturellen Zentrum Qulturwerkstatt.

Hier begegnen sich jetzt wieder regelmäßig ältere Menschen, junge Familien oder Mitglieder des ehemaligen Netzwerks Deuz – einer Initiative, die 2015 Geflüchtete unterstützte, aber zuletzt wenig aktiv war. Das Projekt „Herz zu Herz“ brachte sie zurück an einen Tisch.

Aktuell ist geplant, ein zentrales Holzhäuschen auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums gemeinschaftlich umzugestalten – als sichtbares Zeichen für Werte wie Toleranz, Vielfalt und Miteinander und als weiteren Treffpunkt für alle.

Demokratischer Impuls im Kleinen

Das Projekt wirkt. Nicht über laute Kampagnen, sondern über viele leise, zugewandte Gespräche und Gesten – in einem Friseurstuhl oder bei Waffeln im Qulturzentrum. Menschen beginnen, sich wieder füreinander zu interessieren. Manche entwickeln bereits Visionen: Eine Gruppe schmiedet Pläne für die Initiative „Deuz 2030“, eine bürgerschaftliche Zukunftswerkstatt für den Ort.

Und das ist genau das Ziel des Programms Allzeitorte: Es möchte Demokratie im Alltag erlebbar machen. Zwischen Kamm, Kaffee und Komplimenten.

Wärme als Minimum, Wandel als Ziel

Das Projekt läuft noch bis Spätsommer 2025. Doch schon jetzt zeigt sich: Begegnung braucht Räume. Manchmal genügt ein Friseursalon, um gesellschaftliche Prozesse anzustoßen.

Herz zu Herz soll das Minimum sein – ein bisschen Miteinander, ein bisschen Wärme", sagt Eva-Nadine Wunderlich.

Dann können Ambitionen weiter wachsen: Menschen, die sich lange nicht mehr begegnet waren, kommen wieder ins Gespräch. Ehrenamtliche Strukturen leben auf. Neue Ideen entstehen. Aus den kleinen Gesten der Aufmerksamkeit ist eine Bewegung entstanden.

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