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Berlin, 31.10.22: Nachbarschaften sind ein zentrales Wirkungsfeld der Soziokultur – in der Stadt und auf dem Land. Sie bilden in der soziokulturellen Arbeit wichtige Räume, die einen unmittelbaren Zugang zu den Menschen ermöglichen. Zivilgesellschaftliche Aktivierung und Beteiligung ist hier oftmals das erklärte Hauptziel. In und mit den Nachbarschaften können lokale Bedürfnisse und Herausforderungen durch kulturelle Teilhabe angegangen werden. Zielgruppen, die sonst nicht von den traditionellen Kulturangeboten erreicht werden, können hier direkt angesprochen werden.

Nachbarschaften sind überall – Soziokultur ist mittendrin. Die aktuelle Ausgabe der SOZIOkultur widmet sich diesem wichtigen Bezugspunkt, beleuchtet die fruchtbaren Schnittstellen, wie etwa zur Stadtentwicklung, und nimmt auch die aktuelle Situation in den Blick: Viele Menschen können sich die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen nicht mehr leisten oder fühlen sich in größeren Menschenansammlungen nicht mehr wohl. Das veränderte Publikumsverhalten ist auch für die Soziokultur deutlich spürbar. Die Pandemie wirkt weiter. Wie erreicht man also die Menschen vor Ort, vor allem diejenigen, die nicht das Gefühl haben, sie hätten Gestaltungsmacht, sondern schon genug mit dem Überleben im Alltag zu tun haben?

Kristina Rahe, Leiterin des Modellprojekts UTOPOLIS – Soziokultur im Quartier, berichtet im Gespräch mit Matti Kunstek, Leiter des Nürnberger KUF im südpunkt, über die Arbeit in benachteiligten Quartieren, wo der Ausgangspunkt immer die Begegnung auf Augenhöhe ist – das Thema niedrigschwelliger Partizipation könnte hier grundlegender nicht sein.

Der Schnittstelle Stadtplanung und -entwicklung wird in zwei Gesprächen mit Stadtplaner Ralf Ebert und Matthias Rauch, Leiter des Bereichs Kulturelle Stadtentwicklung & Kultur- und Kreativwirtschaft bei NEXT Mannheim gegeben. Rauch ist der Überzeugung: „Soziokultur sollte eine zentrale Akteurin bei der Transformation von Städten sein.“

Birgit Mandel, Professorin für Kulturvermittlung und Kulturmanagement, reflektiert, inwiefern soziokulturelle Einrichtungen als guter Nachbar, Community Builder und Trainingsfeld für globale Herausforderungen funktionieren können.

Das Portrait widmet sich dieses Mal QUARTIER Bremen, das mit Kunst, Kultur und Bildung den Fliehkräften globaler Krisen und ökonomischer Entwicklungen lebendige Nachbarschaften entgegensetzen.

Mittlerweile unterstützen auch digitale Tools und Netzwerkprojekte Begegnungen mit und in der Nachbarschaft. Carolin Viktorin, Referentin für Digitalisierung und Wissensmanagement, und Medienpädagogin Constanze König stellen einige für die Praxis anwendbare Beispiele vor.

Das und noch mehr lesen Sie in der aktuellen SOZIOkultur.

Der dreijährige Streit um die Gemeinnützigkeit des Demokratischen Zentrums Ludwigsburg (DemoZ) wurde mit einem Bescheid des Finanzamtes beigelegt. Das Zentrum ist ab jetzt wieder als gemeinnützig anerkannt. Die außergerichtliche Beilegung des Streits brachte jedoch keine Klärung der zentralen Frage, was „politische Bildung“ im Sinne des Gemeinnützigkeitsrechts ist.
Das Finanzamt Ludwigsburg hatte dem Verein 2019 die Gemeinnützigkeit mit der Begründung entzogen, es fehle dem soziokulturellen Zentrum bei seiner politischen Bildungsarbeit an ‚geistiger Offenheit‘.

Der Bundesverband Soziokultur engagiert sich seit den Vorfällen in Ludwigsburg in der Allianz „Rechtssicherheit für politische Willensbildung“ e.V. und setzt sich für eine weitergehende Reform des Gemeinnützigkeitsrechts ein.

Ellen Ahbe, Geschäftsführerin des Bundesverbands Soziokultur:

„Endlich wurde der längst überfällige Schritt gegangen, das DemoZ hat den Status der Gemeinnützigkeit wieder. Das sind gute Nachrichten! Dass jedoch noch nicht geklärt wurde, inwiefern gemeinnützige Vereine politisch aktiv sein dürfen, führt weiterhin zu großer Verunsicherung. Zivilgesellschaftliche Organisationen – insbesondere die von uns vertretenen soziokulturellen Zentren und Initiativen – sind neben ihrer eigentlichen gemeinnützigen Zielsetzung hinaus Orte der Begegnung, der politischen Bildung, der Diskussion und des Diskurses. Sie sind Orte, an denen gemeinsam die gesellschaftspolitische Situation reflektiert und aus diesen Überlegungen heraus aktiv gestaltet wird. Diese politische Tätigkeit von der eigentlichen gemeinnützigen Zweckbestimmung der Organisationen trennen zu wollen, widerspricht unseres Erachtens den Zielen einer lebendigen demokratischen Gesellschaft. Dass den soziokulturellen Einrichtungen gerade jetzt – wo die Stärkung der Demokratie in ganz Europa wichtiger ist denn je – der Einsatz für demokratische Werte bis zur Existenzgefährdung erschwert wird, ist inakzeptabel. Wir fordern als Bundesverband die weitergehende Reform des Gemeinnützigkeitsrechts. Gemeinnützigkeit und politische Bildungsarbeit dürfen sich nicht ausschließen.“

Hier geht es zur vollständigen Pressemitteilung der Gesellschaft für Freiheitsrechte.

Der Bundesverband Soziokultur begrüßt den Beschluss von Bund und Ländern in der letzten Woche, Kultureinrichtungen während der Energiekrise im Rahmen des Entlastungspakets III zu unterstützen. Besonders erfreulich ist die Nachricht, dass die im Sonderfonds des Bundes für Kulturveranstaltungen vorhandenen Restmittel auch in 2023 genutzt werden können, um steigende Energiekosten abzufedern.

Wie bereits am 25.9. vom Deutschen Kulturrat in der Positionierung „Energie für Kultur II: Vielfalt der Kultur unterstützen und stärken“ gefordert, gilt es den Sonderfonds zu diesem Zweck weiterzuentwickeln.

Ellen Ahbe, Geschäftsführerin des Bundesverbands Soziokultur, konkretisiert: „Wichtig ist nun die schnelle und vor allem unbürokratische Umsetzung des ‚Kulturfonds Energie‘. Im Vergleich zum Sonderfonds sollte das Antrags- und Nachweisverfahren stark vereinfacht werden, verbesserte Beratung und Unterstützung bei der Antragstellung gewährleistet sein, sodass vor allem auch kleinere, ehrenamtlich geführte Einrichtungen eine realistische Chance bekommen, von der dringend notwendigen Entlastung profitieren zu können.“

Pandemiefolgen und Energiekrise bedrohen die Soziokultur existentiell

Wie eine Mitgliederbefragung des Bundesverbands Soziokultur gezeigt hat, sind die soziokulturellen Zentren und Initiativen massiv von den sich überlagernden Auswirkungen der Pandemie und Energiekrise betroffen. Der Rücklauf der 660 Mitgliedseinrichtungen des Bundesverbandes spiegelt nicht nur die derzeitige Überlastung, sondern auch eine große Unsicherheit und Existenzängste wider.

Die Umfrage belegt, dass fast 70 Prozent der soziokulturellen Zentren mit Gas heizen, ca. 4 Prozent mit Öl und 18 Prozent mit Fernwärme. Betroffen sind damit im Grunde alle soziokulturellen Zentren. Die Einrichtungen erwirtschafteten vor der Pandemie im bundesweiten Durchschnitt fast 50 Prozent ihrer Einnahmen selbst. Die anderen 50 Prozent stammten aus Fördergeldern der Kommunen, Länder, des Bundes und anderen Fördermittelgebern. Die Eigenerwirtschaftungsquote, die sich vor allem aus Eintrittsgeldern, Vermietungen und Einnahmen durch die Gastronomie errechnet, ist durch die Pandemie extrem gesunken. Gleichzeitig steigen die Kosten für Energie. Damit ist die Abhängigkeit von öffentlichen Mitteln höher denn je und existentiell.

Transparente Kommunikation in Zeiten großer Unsicherheit

Bei den institutionell durch Land oder Kommune geförderten Einrichtungen herrscht eine große Unsicherheit, ob die Zusatzbelastung durch gestiegene Energiepreise abgefedert werden kann: Fast 75 Prozent haben dazu noch keine Informationen erhalten. Bei den Einrichtungen, die Projektförderungen erhalten, wissen jedoch bereits rund die Hälfte, dass diese auf die Kostensteigerungen nicht reagieren können.  Gerade in dieser Zeit ist trotz großer Unsicherheit eine transparente und rechtzeitige Kommunikation wichtiger denn je.

Nach ihren Erwartungen gefragt, was die Energiekrise im Herbst und Winter für Auswirkungen auf die eigene Arbeit haben wird, antworteten die soziokulturellen Einrichtungen wie folgt: Mehr als 85 Prozent rechnen damit, einige Räume weniger oder gar nicht mehr zu beheizen. 42 Prozent gegen davon aus, weniger Veranstaltungen durchführen zu können. 32 Prozent sorgen sich um Schäden am Gebäude, vor allem bei den für die Soziokultur typischen denkmalgeschützten Häusern. 26 Prozent rechnen damit, Mitarbeiter*innen erneut überwiegend ins Homeoffice schicken zu müssen, 24 Prozent erwarten restriktive Vorgaben durch die Kommunen, 16 Prozent befürchten die Schließung von einzelnen Bereichen der Einrichtungen und 11 Prozent sehen sogar sorgenvoll einer Schließung der gesamten Einrichtung entgegen.

Energiesparmaßnahmen sind eingeleitet

Fast die Hälfte alle befragten soziokulturellen Zentren hatten bereits im August Energiesparmaß-nahmen eingeleitet bzw. Pläne für den Herbst und Winter ausgearbeitet. Diese Maßnahmen betreffen einerseits den Gebäudebereich, wie das Überprüfen und Einstellen von Heizung und Warmwasser, das Einschalten der Nachtabsenkung, aber auch die Vermittlung von Sensibilisierungsmaßnahmen an das Team.
Andererseits werden viele Investitionsmaßnahmen genannt, wie das Umrüsten der Beleuchtung auf LED, die Erneuerung und Verbesserung der Dämmung und die Investition in erneuerbare Energien. Wie bereits die Umfrage des Bundesverbands Soziokultur „Das braucht’s!“ zum Thema nachhaltige Entwicklung in der Soziokultur gezeigt hat: Wenn die Soziokultur selbst Eigentümerin des Gebäudes ist, tut sie das ihr Mögliche, um eine nachhaltige Energieversorgung zu gewährleisten. Dennoch fehlen hier nach wie vor die Investitionsmittel.

Die Soziokultur braucht neben einem Sofortprogramm Mittel für nachhaltige Investitionen

Es ist also wenig überraschend, dass sich, nach konkreten Hilfsmaßnahmen gefragt, mehr als 75 Prozent der Einrichtungen ein Sofortprogramm zum Auffangen der Energiekosten wünschen. Der Bundesverband Soziokultur schätzt ein, dass 30 Millionen Euro bundesweit dafür bereitgestellt werden müssten. 65 Prozent der befragten Einrichtungen sehen einen hohen Bedarf an nachhaltigen Investitionen für die Energiesanierung. Der Bundesverband empfiehlt hierfür ein mehrjähriges Förderprogramm.

Gleichzeitig plant die Soziokultur eigene Unterstützungsangebote wie etwa die Einrichtung von Wärmestuben und Suppenküchen. Die Isolation der Pandemie soll sich nicht wiederholen. Ein Zitat aus der Umfrage zeigt die Haltung der Soziokultur trotz großer Belastung: „Es geht ja nicht nur um die Einrichtung, sondern auch um die Menschen, die bei uns im Quartier leben. Sie werden noch mehr ums Überleben kämpfen müssen. Darauf sollten wir alle auch reagieren.“

Der Soziokultur wird eine große Bedeutung beim Einsatz für den Zusammenhalt der Gesellschaft zugeschrieben. Man traut ihr eine Antwort auf fast alle gesellschaftlichen Problemlagen zu, seien es gelingende Integrationskonzepte, Angebote für Geflüchtete, Programme für die kulturelle Bildung und die Stärkung von Kindern und Jugendlichen, kulturelle Teilhabe, Erinnerungskultur oder Bildung für alle – um nur einige zu nennen.

Komplexe Aufgaben

Doch die materielle und personelle Situation der allermeisten soziokulturellen Einrichtungen ist äußerst prekär und entspricht kaum ihren Leistungen. Ihre Beschäftigten stehen heute hochkomplexen Aufgaben gegenüber, die sie mit ebenso komplexen, professionellen Mitteln bewältigen und für die sie häufig eine akademische Ausbildung oder ein entsprechendes Maß an Erfahrung benötigen. Viele Aufgabenbereiche gehen mit großer Verantwortung einher. Die Bezahlung ist jedoch fast nie mit der Entlohnung in anderen Branchen vergleichbar und entspricht in keiner Weise dem anspruchsvollen Aufgabenprofil. Gibt es eine Anlehnung an ein Tarifsystem, dann an eine der niedrigeren Tarifgruppen. Auch unbezahlte Mehrarbeit ist weit verbreitet. Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld sind alles andere als die Regel. Gleichzeitig führen die vielen Überstunden, die nur zu einem Teil ausgeglichen werden können, zu einer gesundheitsgefährdenden Überlastung. Befristungen sind angesichts der verbreiteten Projektförderungen die Regel. Nach dem aktiven Arbeitsleben und vielen Jahren Engagement droht dann auch noch die Altersarmut. Wie so oft sind die Frauen besonders betroffen, denn sie machen einen hohen Anteil der Beschäftigten in der Soziokultur aus und akzeptieren besonders häufig Teilzeitbeschäftigungen.

Professionelles Engagement kann nicht umsonst sein

Wer sich entscheidet, in der Soziokultur zu arbeiten, will etwas für die Gesellschaft tun und glaubt fest an die positive Wirkung von Kultur, Teilhabe und Zusammenhalt. Menschen, die diesen Weg gehen, sind hoch engagiert, stark intrinsisch motiviert und gewohnt, kreativ und professionell mit begrenzten Mitteln ein Maximum an Wirkung und Programm zu erzeugen. Ich habe im Laufe meiner Arbeit für die Soziokultur viele von ihnen kennengelernt. Sie übernehmen jederzeit auch Zusatzaufgaben und achten selten darauf, ob wieder ein paar Überstunden anfallen. Doch gerade die exzellent ausgebildeten jüngeren Kolleg*innen vergleichen sich irgendwann mit Freund*innen mit gleicher Qualifikation und oft geringerem Verantwortungsbereich und stellen fest, dass sie deutlich kleinere Summen auf ihrem Gehaltszettel finden. Das führt zu Frustration und Empörung und zu einem zermürbenden Gefühl der Ausbeutung.

Der Generationenwechsel verschärft die Lage

Immer schwerer wird es deshalb für die Einrichtungen der Soziokultur, angesichts des Generationenwechsels beim Wettbewerb um qualifizierte Bewerber*innen Nachwuchs zu finden, der unter diesen Bedingungen überhaupt anfangen will. Und diejenigen, die mit viel Enthusiasmus und guter Ausbildung in der Soziokultur in ihr Arbeitsleben starten, geben häufig spätestens dann auf, wenn sie merken, dass Aufstiegsmöglichkeiten und Bezahlung in anderen Branchen deutlich besser sind – und sie mit den gesammelten Arbeitserfahrungen sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Ihr Potential und der Aufwand für ihre Einarbeitung sind dann für die Soziokultur verloren.

Investition in qualifiziertes und leistungsfähiges Personal wird sich auszahlen

Das krasse Missverhältnis zwischen den Erwartungen an die Soziokultur und ihren Ausstattungsbedingungen, zwischen den Ansprüchen, die an die Beschäftigten gestellt werden, und ihrer Entlohnung führt auf lange Sicht zu einer Aushöhlung und Schwächung der Einrichtungen. Besonders in diesen schwierigen Zeiten brauchen wir jedoch eine angemessene und vergleichbare Entlohnung der Beschäftigten und faire Arbeitsbedingungen, damit die Soziokultur ihre immer wichtigeren, weiter wachsenden Aufgaben bewältigen kann. Gerade angesichts multipler Krisen darf deshalb keinesfalls an der Soziokultur gespart werden, es muss im Gegenteil dringend in ihre Förderung und in ihre hochqualifizierten und leistungsfähigen Beschäftigten investiert werden, damit sie ihre große Wirkung für die Kultur und den Zusammenhalt der Gesellschaft entfalten kann.

Nach dem Abriss des Stadtteilzentrums wird eine ehemalige Bedürfnisanstalt zu einem preisgekrönten Dritten Ort umfunktioniert: das Mikropol. Das Team bringt gegen große Widerstände Freund­schaft und geteilte Lebensfreude in ein benachteiligtes Quartier in Hamburg.

Ein Blick auf die Karte von Hamburg zeigt: Die Herrschaft über den Stadtteil Rothenburgsort hat vor Jahrzehnten das Auto übernommen. Zum Gewirr aus Autobahn, Bundesstraßen, Zubringern, Abfahrten und sich reichlich kreuzenden anderen Straßen kommen noch jede Menge Gleisanlagen. Hier überdröhnen Motoren das Rauschen der hohen Bäume und nur einen Teil des Überflusses von Feinstaub treibt der Seewind davon. Vor der Grillbar my KÖZ sitzend blickt man quer über die Kreuzung und über die Dächer von PKWs hinweg aufs Mikropol. Hinter Bussen und großen Trucks verschwindet es. Wie das kleine flache Gebäude tief unterhalb von Laubkronen und den Dächern dunkelroter Klinkerblocks auf seiner Verkehrsinsel kauert, erinnert es an einen Schuhkarton. Seine Geschichte ist spektakulär unspektakulär. Bevor im Zweiten Weltkrieg Bomben das Arbeiterviertel fast vollständig zerstörten, gab es da genügend Fußgänger*innen mit gewissen Bedürfnissen. Eine öffentliche Toilette an genau dieser Stelle war nützlich. Dann nicht mehr. Der aktuelle Krieg wirft seine Schatten blaugelb auf das Rolltor an der Stirnseite. Große weiße Buchstaben verlangen: Leave no one behind.

Andocken

Auf dem Stückchen Grasland vor dem Mikropol stehen fest verankert Tisch und Bank aus derbem Holz.
An diesem sonnigen Mittwochnachmittag im Mai 2022 halten dort einige junge Männer in Arbeitskleidung einen Feierabendplausch. Manuel tritt auf die Bildfläche. Der Politikwissenschaftler arbeitet für eine deutsch-schweizerische NGO, die sich seit mehr als zehn Jahren für die Menschenrechte in Belarus und der Ukraine engagiert. Er dreht jetzt das Rolltor nach oben, gibt damit den Blick auf den kaum 30 qm großen Hauptraum des Mikropol frei. Vor zwei Jahren hat er bemerkt, dass sich hier etwas bewegt, wollte dabei sein und ist es seitdem. Unter anderem gärtnert er mit einer
Gruppe. Daher das Gras vorm Haus und das kleine Insektenhotel neben dem Rolltor. Jetzt stellt Manuel einen weißen Leuchtquader nach draußen. Darauf steht in den vier hier am häufigsten gesprochenen Sprachen OFFEN. Dann schiebt er eine Holzbank mit Rücken- und Seitenlehnen heraus, bringt mehrere farbige Kissen. Oliver, in diesem Moment noch ein komplett Fremder hier, schlendert von der Kreuzung heran, denkt ganz richtig, dass er das darf, und setzt sich. Ihn hat es erst im Januar von Heidelberg hierher verschlagen. Wie so viele sucht er: Kontakt.

50 Quadratmeter für viel Leben

Eigentlich sollten heute Lisa und Marius hier sein. Sie sind Architekt*innen, haben die Idee
vom Nachbarschaftsprojekt in der verlassenen Toilette mit auf den Weg gebracht. Dafür verliehen BAUHAUS und Spiegel 2018 den Jurypreis des Social Design Awards. Doch in diesen Tagen hat Corona die beiden erwischt. Also zeigt Manuel die bescheidenen 50 Quadratmeter Mikropol. Neben dem unmöblierten Hauptraum, in dem von Konzerten über Nachhilfe, Beratung, Ausstellungen, Diskussionen, Kino und Lesungen bis zu Geburtstagsfeiern wirklich alles – und alles! ehrenamtlich – stattfindet, gibt es einen kleinen Durchgangsbereich zur letzten Toilette. An der Wand stehen ein Kühlschrank und ein breites Regal voller Plastikboxen mit den Utensilien der einzelnen Interessen- und Arbeitsgruppen. Zwischen dem Hauptraum und der seitlichen Tür liegt ein kleiner Eingangsbereich. Darin können Stapelstühle aufbewahrt und auf einem großen Tisch vorübergehend Sachen abgelegt
werden. Das war‘s. Als die jungen Männer in Arbeitskleidung sich voneinander verabschieden und jeder seines Wegs geht, sagt Manuel, ja, der kleine Platz auf dem Gras zwischen den Bäumen, der ist bei den Leuten beliebt. Hier können sie miteinander sitzen, ohne für irgendwelchen Verzehr zahlen zu müssen.

Wilder Osten

Statt Lisa radelt dann Barbara herbei. In ihrem anderen Leben, wie sie sagt, arbeitet sie als Psychologin mit Geflüchteten. Ingo gesellt sich anstelle von Marius dazu. Der freiberufliche Journalist und Autor lässt inzwischen seit bald dreißig Jahren sein Herzblut für mehr Lebensqualität in diesem Quartier, hat die Initiative Hamburgs Wilder Osten mit gegründet und war einer der Aktiven der RothenBurg. So hieß das Stadtteilzentrum, das es hier zwischen 2008 und 2016 gegeben hat und das für neuen Wohnungsbau weichen musste. Ersatzlos. Während des Gesprächs geht Ingos Blick immer wieder zu den Leuten, die über die Kreuzung eilen oder an der nahen Haltestelle auf den Bus warten. Von denen trägt niemand einen der Anzüge oder eine der Designertaschen, aus denen gewöhnlich dicke Geldbeutel und goldene Kreditkarten gezogen werden. Die jährlichen Einkünfte der Einwohner*innen von Rothenburgsort liegen mit zirka 20 000 Euro gerade einmal halb so hoch wie der Durchschnitt von ganz Hamburg. Es gibt beinahe doppelt so viele Empfänger*innen von Sozialtransfers wie im Hamburger Durchschnitt. Auch wenn sich das gerade ändert: Politik und Verwaltung haben das Quartier lange vernachlässigt.
Das zeigen auch die Wahlergebnisse. Seit den 1990ern schleppen hier Republikaner, DVU, ProDM, Schillpartei und Nachkommende viel Zustimmung heim. Wer gesehen hat, dass es nichts bringt, aus Frust oder Verzweiflung rechtsextrem zu wählen, bleibt ganz zu Hause. Ingo spitzt zu: „Wir haben hier 9000 Einwohner*innen, 2000 gehen zur Wahl.“ Tatsächlich meldet der Wahlleiter der letzten Bundestagswahl für Rothenburgsort mit 59 Prozent die geringste Beteiligung von allen Hamburger Stimmbezirken und eines der höchsten extrem rechten Ergebnisse. Denkt das Bezirksamt womöglich, das macht nichts, geht von allein vorbei? Andernfalls müsste es ja jedes Fünkchen demokratischen Engagements mit all seiner Macht unterstützen.

Neue Ideen und Energie

Als das Bürgerzentrum RothenBurg damals geschlossen wird, machen ein paar Sofas kurzerhand den Markt zum Wohnzimmer. Engagierte und Aktivist*innen aus mehreren Gruppen und Initiativen reden und überlegen miteinander. Ingo ist zu dem Zeitpunkt ein bisschen müde und deprimiert. „Du läufst dauernd gegen das Bezirksamt, hast einen blutigen Kopf“, sagt er. Doch nun kommen junge Leute aus der Nachbarschaft, der Kunst, der Stadtentwicklung, der Wissenschaft. Sie bringen Energie und neue Ideen mit. Eine sehr lebhafte und interessante Sympathisant*innenszene entwickelt sich. Wunderbare Muntermacher*innen, nicht nur für Ingo. Er sagt: „Du läufst immer noch gegen das Bezirksamt, du hast immer noch Blut am Kopf. Aber du findest auch einen Weg um die Widerstände rum.“ Zum Beispiel hatte die SPD sich an die ehemalige Bedürfnisanstalt als Lagerort für Wahlplakate gewöhnt und mochte zunächst nicht gern davon lassen. Doch den Mikropol*innen gelingt es, einen öffentlichen Wettbewerb im Kontext von Kunst am Bau zu initiieren. Damit entscheidet weder Politik noch Verwaltung, sondern
eine unabhängige Jury: für das Konzept des Nachbarschaftsorts. Eine Woche lang picken die Mikropol*innen und ihre Freund*innen Kacheln von den Wänden, brechen die Wände der Klobuchten ein, schlucken Staub. Als sie denken, sie können loslegen mit neuem Putz und frischer Farbe, kommt ein Statiker des Wegs und sagt, dass nun Stützkraft fehlt. Es müssen ein paar Doppel-T-Träger eingezogen
werden. Die streichen sie so pink, dass man sie mit geschlossenen Augen sieht. 2019 eröffnen sie.

Mitmachen

Während Barbara und Ingo sich daran erinnernd noch lächeln, kommt Oliver von der gepolsterten Holzbank vorm Eingang rüber zur harten auf dem Gras. Er möchte gern auch mitreden. Kaum sitzt er, stellt Lydia sich dazu. „Lydia ist eine Anwohnerin, sie betreut das Lebensmittelregal an der rechten Außenwand, ohne sie würde es viel weniger sauber zugehen“, sagt Manuel. Das Foodsharing funktioniert prima. Geschäfte und Restaurants bringen, was übrig ist, auch Privatleute, die sich beim Einkauf verplant haben. Wer etwas braucht, kann es einfach nehmen, ohne einen Nachweis der Bedürftigkeit, wie die Tafel ihn fordert. Das Gespräch streift das Insektenhotel. Das muss möglichst bald an der Wand befestigt werden. Es gibt eine Bohrmaschine. Doch wer hat die gerade und wo ist sie bloß? „Kein Problem“, sagt Oliver, „ich mach euch das und ich bring eine mit.“

Ungleichnisse

Das Vorhandensein von Löchern ist ungefähr das einzige, was das kleine Insektenhotel mit der gewaltigen Orgel der Elbphilharmonie gemein hat. Aber ist es deshalb weniger bedeutsam? Als Symbol gemeinschaftlich praktizierten Willens zu Vernunft und Verantwortung? Sie seien den besser Betuchten und Eliten echt gegönnt, das Dress Up zur Premiere, das Entzücken über die Inszenierung von
„Whats Its Title“, das Promenieren im Foyer, der Smalltalk mit den Einfluss- und Kontaktreichen. Mögen sie auch wirklich gern regelmäßig die Beschaffenheit ihrer Moral im Spiegel richtig großer Kunst prüfen. Es macht ja Sinn, dass es Hochkultur gibt. Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit muss dennoch gestellt werden. Im Blick auf die Finanzierung der Kultur im Allgemeinen und auf die der Soziokultur ganz besonders. Allein die Baukosten der Elphi schlagen mit 866 Millionen Euro zu Buche. Da ist noch keine Rede von Ausstattung und Unterhalt. Jahr für Jahr fließen weitere 13 Millionen Euro öffentliche Zuschüsse. In Rothenburgsort sind im Rahmen des Modellvorhabens „Mitte machen“ einmalig fünf Millionen Euro für ein neues Stadtteilzentrum in Aussicht gestellt worden. „Wir haben
wirklich alles gemacht, was das Bezirksamt von uns gewollt hat“, sagt Barbara, „inhaltliches Konzept, Beteiligungsprozess, Finanzierungsplan, einfach alles.“ Trotzdem wird nichts draus. Begründung: Die Einreichenden finanzieren sich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Projektförderung, sie können also keine finanzielle Sicherheit für die nächsten 20 Jahre nachweisen. Das kann niemand. Bei solcher Messlatte käme nie ein neues Projekt auf die Schiene, schon gar nicht in der Kultur.

Ausdauer und Witz

Die Mikropol*innen & Co. geben nicht auf. Sie engagieren sich weiter für ein neues Zentrum. Dass sie seit wenigen Wochen den Stadtteilkulturpreis samt großartiger Laudatio und 10 000 Euro besitzen, ermutigt dabei sehr. „Unser nächstes Projekt“, lacht Barbara den rundum rollenden Verkehr an, „heißt Urlaub auf der Insel“. Einfach unwiderstehlich. Und Glück für die Nachbarn, die Gesellschaft, die Demokratie.

 

Dieser Beitrag ist erschienen in der SOZIOkultur 2/2022 Newcomer

Der Bundesverband Soziokultur unterstützt nach Abschluss der Antragsprüfung von NEUSTART KULTUR 1737 Kulturprojekte mit 73,2 Millionen Euro. 784 Projekte erhalten eine Förderung in Höhe von 39,7 Millionen Euro für investive Maßnahmen. Für eine pandemiegerechte und zukunftsweisende Programmarbeit gehen an 953 Projekte 33,5 Millionen Euro. Weitere Zahlen und Informationen zu NEUSTART KULTUR beim Bundesverband Soziokultur unter soziokultur.neustartkultur.de.

Der Bundesverband Soziokultur hat 2020 und 2021 zwei Ausschreibungen für NEUSTART KULTUR durchgeführt. Die Antragsprüfung der zweiten Ausschreibung ist seit Juli 2022 abgeschlossen. Damit befinden sich alle geförderten Projekte in der Durchführung beziehungsweise Abrechnung.

Georg Halupczok, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Soziokultur: „NEUSTART KULTUR hat in den
letzten zwei Jahren Großes für den Erhalt der Kultur geleistet. So auch für die stark vom Ehrenamt
geprägte Soziokultur, die durch die Pandemie besonders belastet und gefährdet war – und es noch immer ist. Die bereitgestellten investiven Mittel sind in soziokulturellen Zentren mit ihren besonderen baulichen Herausforderungen genauso bedeutsam wie die Sicherung der Programmarbeit, nicht zuletzt um die Eigenerwirtschaftung zu stabilisieren.“

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) stellt für das Rettungs- und Zukunftsprogramm NEUSTART KULTUR zwei Milliarden Euro zur Verfügung. Umgesetzt wird das Förderprogramm von rund 40 Kulturverbänden, -fonds und weiteren Organisationen in 74 spartenspezifischen Einzelprogrammen.

Der Bundesverband Soziokultur führt für den Programmteil „Pandemiebedingte Investitionen in Kultureinrichtungen zur Erhaltung und Stärkung der bundesweit bedeutenden Kulturlandschaft“ und den Programmteil „Erhaltung und Stärkung der Kulturinfrastruktur und Nothilfen“ zwei Förderungen durch:

In NEUSTART KULTUR – Zentren werden soziokulturelle Zentren, Kulturzentren und Literaturhäuser bei pandemiebedingten Umbau-, Modernisierungs- und Ausstattungsmaßnahmen unterstützt.
NEUSTART KULTUR – Programm richtet sich an soziokulturelle Zentren, Kulturzentren und Initiativen, um die Programmarbeit während der Pandemie aufrechtzuerhalten und die Resilienz gegenüber Pandemien zu stärken.

Beispiele für geförderte Projekte sind in Wort, Bild, Film und Ton auf Instagram, Facebook und auf der Website zu finden.

Die Soziokultur erfindet sich immer wieder neu. Newcomer gründen selbst oder übernehmen Häuser und Strukturen, füllen sie aus mit neuen Ideen, Meinungen und Herangehensweisen. Das geht manchmal nicht ohne Reibung vonstatten, aber immer konstruktiv, produktiv und wertschätzend. Die neue Ausgabe der SOZIOkultur nimmt diesen Wandel aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick.

Manche Newcomer bezeichnen das, was sie in ihren Projekten so leidenschaftlich tun, noch gar nicht als Soziokultur. Sie legen Wert auf eine selbstbestimmte und beteiligungsorientierte Kultur und haben den Anspruch, einer zunehmend diversen Gesellschaft auch in ihren kulturellen Angeboten gerecht zu werden. Wenn sie dann die Möglichkeit zur verbandlichen Organisation entdecken, sind sie erstaunt, wie intensiv an besseren Rahmenbedingungen gearbeitet wird, und wie viel öffentliche Anerkennung und politische Unterstützung die Soziokultur mittlerweile erfährt. So ging es etwa dem Mikropol in Hamburg, das sich aus einer ehemaligen Bedürfnisanstalt zu einem preisgekrönten Dritten Ort entwickelt hat und in dieser Ausgabe vorgestellt wird.

Über die Herausforderungen, mit denen Newcomer konfrontiert sind, vor allem wenn die ehrenamtlichen Strukturen überstrapaziert werden, sprechen im eröffnenden Dialog Juliane Döschner, Soziokultur-Akteurin der neuen Generation aus Jena, und Heike Herold, Geschäftsführerin von Soziokultur NRW und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Soziokultur.

Ingrid Wagemann beschreibt ihre Erfahrungen bei der Beratung von Newcomern und findet Wahrheiten in den Generationentypen. Wie sich neue Einrichtungen verorten und etablierte neu profilieren, wird in Kurzportraits des KFZ in Marburg, der B-SIDE in Münster, des kulturaggregat in Freiburg und der Kleinen Freiheit in Nordhausen anschaulich.

Sowohl die Newcomer als auch die bestehenden Einrichtungen bewältigen mit viel Engagement hochkomplexe Aufgaben. Die materielle und personelle Situation der allermeisten ist jedoch prekär – das fordert den Generationenwechsel besonders heraus. Corinne Eichner, Geschäftsführerin von Stadtkultur Hamburg und Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Soziokultur, fordert deshalb eine angemessene Entlohnung und faire Arbeitsbedingungen.

Denn die neuen Gegenwartsaufgaben, allen voran der Klimawandel, brauchen die versammelten Kräfte der Soziokultur – den Erfahrungsschatz und die neuen Ansätze –, um das volle Potential für den gesellschaftlichen Wandel zu aktivieren. Was in den Zentren, im Verband und von Seiten der Politik dazu notwendig ist, zeigt der dieser Ausgabe beiliegende statistische Bericht „Das braucht’s! Nachhaltige Entwicklung in der Soziokultur 2022“.

Das und noch mehr lesen Sie in der aktuellen SOZIOkultur.

Die Soziokultur ist bereit für den nachhaltigen Wandel. Um ihr Aktivierungspotential in der Zivilgesellschaft voll entfalten zu können, braucht sie jedoch gezielte Förderung von Investitionen und personellen Kapazitäten sowie passgenaue Qualifikation und Beratung.

Alle zwei Jahre befragt der Bundesverband Soziokultur seine Mitgliedseinrichtungen zu Situation und Perspektiven der soziokulturellen Zentren und Initiativen in Deutschland. In diesem Jahr widmet sich die Umfrage ausschließlich dem Thema Nachhaltigkeit. Ziel war es, neben einer Bestandsaufnahme Handlungs- und Unterstützungsbedarfe zu ermitteln.

Nachhaltigkeit gehört zum genetischen Code der Soziokultur. Sie hat mit ihrer 40-jährigen Erfahrung, Zivilgesellschaft auf kreative Weise zu aktivieren, ein immenses Potential, den Wandel hin zu einer Nachhaltigkeitskultur voranzutreiben und so mitzugestalten, dass alle mitgenommen werden. Gezielte Förderung von Personal, bedarfsgerechte Qualifizierungs- und Beratungsangebote sowie die Förderung von Investitionen in die energetische Sanierung von Gebäuden sind wichtige Hebel, um diese Entwicklung langfristig und flächendeckend zu unterstützen. So kann sich eine Eigendynamik entfalten. Die Ergebnisse des statistischen Berichts „Das braucht’s. Nachhaltige Entwicklung in der Soziokultur 2022“ liefern hierzu Daten in grundlegenden Bereichen und bilden den Ausgangspunkt für weitere Nachhaltigkeitsaktivitäten im Verband und Forderungen an die Politik.

“Das braucht’s!” gibt einen Überblick darüber, in welchen Bereichen soziokulturelle Zentren und Initiativen bereits aktiv sind. In immer mehr Einrichtungen spielt Nachhaltigkeit als Schwerpunktthema in Programmen und Projekten eine Rolle: So ist etwa jede zweite Einrichtung in der Vermittlung von Nachhaltigkeitsthemen tätig; 60 bis 75 Prozent treffen mehrheitlich nachhaltige Konsumentscheidungen. Trotz der großen Belastungen in der Pandemie hat die Soziokultur das Thema Nachhaltigkeit nicht aus den Augen verloren.

Die Themen Energie und energetische Gebäudesanierung bilden einen besonderen Fokus des Berichts. Der Investitionsbedarf in der Soziokultur ist hoch: 56 Prozent der Gebäude haben ungedämmte Fassaden, knapp die Hälfte der Dächer ist ebenfalls nicht gedämmt. Gleichzeitig gibt es kaum investive Förderprogramme, die für die Soziokultur in Frage kommen, weil beispielsweise die Eigenbeteiligung extrem hoch angesetzt wird.

Wie Managementansätze in soziokulturellen Zentren verankert sind, fasst ein weiterer Schwerpunkt des Berichts zusammen und leitet daraus konkrete Handlungsbedarfe ab. Bereits ein Drittel der Einrichtungen hat eine*n Verantwortliche*n benannt oder eine AG für Nachhaltigkeit gegründet – ein wichtiger Schritt für gezielte Veränderungsprozesse in den Organisationen.

Zum Abschluss werden konkrete Handlungsansätze für die soziokulturellen Einrichtungen, mögliche Verbandsaktivitäten zur Unterstützung und Forderungen an die Politik formuliert.

Lesen Sie hier den Bericht “Das braucht’s!” online.

 

Grußwort der Kulturstaatsministerin Claudia Roth zum Amtsantritt

Der schwedische Schriftsteller August Strindberg schrieb einmal: „Die ganze Kultur ist eine große, endlose Zusammenarbeit.“ Der Bundesverband Soziokultur e.V. ist in diesem Sinne nicht nur ein enger Partner des Bundeskulturressorts. Er ist ein Pionier in Sachen kultureller Teilhabe und Diversität. Er ist die Anlaufstelle für die vom Ehrenamt geprägte Soziokultur, Drehscheibe für Vernetzung und Qualifizierung. In jüngster Vergangenheit hat er darüber hinaus gezeigt, wie professionell und effizient Fördermittel dorthin kommen können, wo sie gebraucht werden.

Seit mehr als 40 Jahren machen der Bundesverband Soziokultur e.V. und seine Mitglieder nun „Kultur für alle“ möglich. Kunst und Demokratie, das sind die beiden Säulen Ihrer Arbeit – einer Kulturarbeit, die ihre gesellschaftliche und politische Verantwortung ernst nimmt und in konkretes Handeln umsetzt. Die Akteurinnen und Akteure der Soziokultur prägen und gestalten gesellschaftspolitische Debatten mit den Mitteln der Künste. Ein Großteil dieser Arbeit wird ehrenamtlich erbracht. Trotzdem oder gerade deshalb werden Vielfalt und gesellschaftlicher Zusammenhalt nirgends selbstverständlicher gelebt als in der Soziokultur. Dafür möchte ich Ihnen Danke sagen!

Wie wichtig Ihre Arbeit ist, haben die mühseligen Zeiten der Pandemie wieder einmal gezeigt. Trotz Lockdowns und zahlreicher Einschränkungen haben Sie mit viel Kreativität und Phantasie „Kultur für alle“ ermöglicht, etwa mit Balkonkonzerten und Fassadenprojektionen, mit Ausstellungen in Schaufenstern und Malworkshops per Video. Gerade für Kinder und Jugendliche, denen die Schulen als Orte der Begegnung verschlossen waren, war dieses gemeinsame künstlerische Tun ein Lichtblick.

Wir alle wissen um die Kraft der Kunst, um ihre Bedeutung für die Entfaltung junger Menschen und um ihre prägende Rolle für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ihre Arbeit kann deshalb nicht hoch genug geschätzt werden. Im direkten sozialen Umfeld, ob Stadtquartier oder ländlicher Raum, fördern Sie darüber hinaus Integration und Diversität, unterstützen Geflüchtete und generationenübergreifendes Arbeiten. Kulturelle Bildung ist ein Schlüsselfaktor der Integration, sie erschließt den Zugang zum gesellschaftlichen Leben. Wer in Kunst und Kultur kreativ wird, trägt dazu bei, unsere Demokratie mitzugestalten und lebendig zu erhalten. Soziokulturelle Zentren sind darüber hinaus vor allem in den ländlichen Räumen meist die einzigen Orte für Kultur und Kommunikation. Sie passen sich mit ihren kulturellen und partizipativen Angeboten den regionalen Bedarfen und Lebensverhältnissen an. Das ist gerade in strukturschwa-chen Gebieten ganz wichtig.

In meinem neuen Amt als Staatsministerin für Kultur und Medien will ich die vielen engagierten Akteurinnen und Akteure in den soziokulturellen Zentren und Kulturhäusern, in Verbands- und Projektarbeit, im Bundesverband Soziokultur e.V. und im Fonds Soziokultur deshalb noch mehr als bisher unterstützen. Für die neue Bundesregierung ist die Förderung der Freiheit und der Vielfalt von Kunst, Kultur und Medien zentral.

Es ist gut, den Bundesverband Soziokultur e.V. dabei an meiner Seite zu wissen. Er bündelt nicht nur die Mitgliedseinrichtungen, sondern steht als Partner der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien im Förderprogramm NEUSTART KULTUR mittlerweile in Kontakt mit mehr als 1600 soziokulturellen Zentren und Initiativen, Kultur- und Literaturhäusern, Kulturzentren und kulturellen Initiativen in den Städten und Gemeinden. Der Bedarf an Beratung, Qualifizierung und Vernetzung ist, ganz besonders seit 2020, enorm. lmpulsgebend und koordinierend ist der Verband ein zentraler Multiplikator, der diesen wichtigen Kulturbereich stabilisieren, professionalisieren und stärken kann.

Für Ihr großes Engagement danke ich dem Bundesverband Soziokultur e.V. und allen, die sich auf diesem Feld engagieren, sehr herzlich. Ich freue mich auf die weitere enge Zusammenarbeit zum Wohle der Menschen und der Kultur.

 

Dieses Grußwort ist erschienen in der SOZIOkultur Heft 1/2022 zum Thema OSTEN.

Die neue Ausgabe der Zeitschrift SOZIOkultur widmet sich der soziokulturellen Realität in den östlichen Bundesländern und zeigt ein buntes, dynamisches Bild, das von Kreativität, Agilität und Resilienz geprägt ist.

Soziokultur in Ostdeutschland ist nicht zuletzt als Reaktion auf den Strukturbruch nach der Wende entstanden – aus der Möglichkeit, Freiräume zu erschließen sowie aus dem großen Bedürfnis, kulturell eigenmächtig zu handeln und selbst aktiv zu werden. Seit den Anfangsjahren haben sich Soziokultur in Ost und West gemeinsam entwickelt, dennoch lässt sich in den östlichen Ländern bis heute eine besondere Spezifik erkennen.

Bettina Rößger, gebürtige Thüringerin und Geschäftsführerin des Landesverbandes Soziokultur Thüringen, und Laura Armborst, Wahl-Greifswalderin und Vorstandsmitglied des Landesverbandes Soziokultur Mecklenburg/Vorpommern e.V., sprechen über die Potenziale und Wahrnehmung von soziokulturellen Einrichtungen in den ostdeutschen Bundesländern. Benjamin-Immanuel Hoff, Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten, erklärt, welch tiefgreifenden Strukturwandel Kultur und Kulturpolitik in ebendiesen Regionen durchleben und gemeistert haben. Piotr Michałowski zeigt mit seinem Bericht über die Entwicklungen in Polen, dass die Soziokultur und ihre gesellschaftliche Gestaltungskraft natürlich nicht an der Oder und Neiße enden.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth bekräftigt zum Amtsantritt mit einem Grußwort an die Soziokultur, dass Kunst und Demokratie die Säulen soziokultureller Arbeit sind.

Das Porträt widmet sich schloss bröllin, einem internationalen Produktionszentrum in der deutsch-polnischen Grenzregion. 30 Jahre leidenschaftliches Engagement haben es gleichzeitig zu einem Hotspot für darstellende Künstler*innen weltweit gemacht sowie zu einem Treffpunkt für Nachbarschaft und regionale Netzwerke.

Der Redaktionsschluss dieser Ausgabe lag vor Beginn des russischen Angriffskriegs. Aus aktuellem Anlass wurden dem Thementeil zwei Seiten zu „Willkommenskultur, Inklusion und Integration – Kernkompetenzen der Soziokultur“ vorangestellt. Sie bieten einen konzentrierten Überblick über das Wissen und die Erfahrungen, die bereits in den vergangenen Jahren zur Kulturarbeit mit Geflüchteten gesammelt wurden und zeigen, dass soziokulturelle Einrichtungen den derzeitigen Herausforderungen aktiv begegnen.

Das und noch mehr lesen Sie in der aktuellen SOZIOkultur.